Ein Tag an Bord

Oktober 31, 2008 

Sunset(von Boris) Wochenlang sind sie zu zweit auf diesem kleinen Boot. Was machen die dort bloß, was beschäftigt sie und warum? Müssen sie den ganzen Tag steuern, stöhnen und hecheln vor Anstrengung und ächzen sie etwa unter der Last der Schoten und des Rennens? Oder liegen sie gelangweilt auf dem Rücken in der Sonne und träumen von einem Restaurant mitten im Meer? 

Warum macht ihr das, wurden wir gefragt und wurde ich bisher vor jedem Rennen gefragt. Ich hab keine Antwort parat aber eine Ahnung. Und ich merke so langsam, wie wir der Sache auf die Schliche kommen. Natürlich werden wir es nicht verraten. Ihr müsst schon selbst sehen. 

Wir geben weiter nur kleine Bruchstücke preis: Also, wie sieht so ein Tag konkret aus? 21 Uhr: Boris auf Wache, Felix schläft. Ich habe sturmfrei, ein Abend allein zu Hause, kann mich ausleben. Lebensmittelpunkt ist der Navigationstisch mit gemütlicher Sitzbank davor. Man kann sich quer zur Schiffsrichtung auf den Rücken legen, an die Decke starren und das Wasser nur so am Rumpf entlangrauschen lassen, spürt so besonders gut jeden Grad Krängung mehr oder weniger, die Power von Wind und Schiff, das Rucken in der See, manchmal auch Scheppern, wenn der flache Bug mit 10,5 Knoten auf einen eckigen Wasserbuckel trifft. Ich schalte den Radartransponder und die Positionslichter für die bevorstehende Nacht ein, kontrolliere den Ladezustand der Batterien und lausche weiter. Kurzer tropischer Dämmerung folgt schnell tropische Stockfinsternis und das südliche Sternenfirmament erstrahlt. Zwischendurch haut eine Welle querkant den Bug hoch und eine Wasserkaskade prasselt aufs Deck, ein Bach rauscht an der Kajüte entlang nach hinten und ergießt sich deutlich verzögert ins Cockpit.

Beluga Racer InsideAuf der externen Festplatte ist noch ein Film, den ich schon seit Jahren nicht die Ruhe gefunden habe zu schauen. Ich schalte mein Noise Cancellation Kopfhörer ein und starte den Film über das Jazztrio Keith Jarrett, Jack de Johnett und Garry Peacock. Keith erklärt seine Philosophie über Timing und Simplizität, die Intensität beim Improvisieren, jemand der ganz aus Intensität besteht und davon lebt. Jack beschreibt, wie sich die drei inspirieren.

Ich nehme den Kopfhörer ab. Es rauscht beträchtlich. Ziehe mich am Handgriff hoch und strecke den Kopf an Deck. Es ist pechschwarz. Funkelnde Sterne.
Salzspray. Ich ducke mich kurz und lausche weiter, keine ungewohnten Geräusche, keine Schiffslichter zu sehen, die Instrumente zeigen korrekte Werte. Ich fiere aus einem Bauchgefühl heraus das Groß 5 Cm. Wir schieben ziemlich Lage. Alles ok. Erfreuliches Segeln. Das Boot kommt alleine klar, von Hand zu steuern würde uns nur langsamer machen, der Pilot steuert auf wenige Grad immer exakt den Windwinkel, für den wir die Segel eingestellt haben.

Also weiter im Film. Klick. Headphones an und wieder bin ich in einer anderen Welt, ohne Rauschen, nur der Film. Keith erzählt, dass das Köln Konzert so einzigartig wurde, weil das Piano unzureichend war. Um Mitternacht ist der Film zu Ende und ich gehe ziemlich müde in Kurzschlafmodus, wie beim Einhandsegeln.  Das Handy weckt mich alle 15 Minuten. Immer die gleiche Blickfolge: Transponder, GPS Kurs und Speed, Instrumente, Wind und dann den Kopf kurz nach draußen stecken. Bevor eine Minute um ist, schlafe ich wieder. Die Koje ist direkt am Niedergang. Im Liegen kann ich alle Instrumente sehen. Während ich meinen Oberkörper aufrichte, hat der Blick schon die Instrumente abgefragt. Richtig wach würde ich nur, wenn ein Wert vom Soll abweichen würde. So funktioniert Einhandsegeln, ein absolut effizientes System.

Doch wir sind sogar zu zweit. Der pure Luxus. Um drei Uhr macht Felix seinen ersten Kontrollgang und bis um 9 kann ich mich zurückziehen. Sie brauchen mich nicht. Der Schlaf ist nicht so tief und so gut, wie der Kurzschlaf. Ich träume und komme in die flachen Schlafphasen, wo mich einzelne Wellen hochschrecken lassen. Doch der allmorgendliche starke Kaffee zieht die Augenlieder hoch und nun puzzeln wir zusammen den Tag hindurch. Posilichter und Transponder aus. Emails checken. Eine Stunde sorgfältig Antworten verfassen. Dann ruft Christoph Schumann von der Hanseboot an. Ein Höhepunkt des Tages. Wir phantasieren anschließend angeregt über Volvo, Vatikan und VW-Aktien.

SüdostpassatDer Passat beschert uns gleichförmigen Wind und ermöglicht Routine und Ruhe. Doch es gibt so viel zu tun:  Actionbilder für die Website filmen, tiefsinnige Gedanken für einen Portraitfilm in den Camcorder sprechen. Doch halt - erstmal Soundcheck. Der Ton ist verrauscht. Anderes Micro probieren, filtern, Level einstellen. Sinnvolle Tätigkeiten gibt es zuhauf, die uns mehr als auslasten. Wetteranalyse, Reparaturen, Ordnung schaffen und so fort. Doch vor allem, Filmen, Schreiben, Erzählen, Singen.

Um 14 Uhr essen wir gemeinsam 500 g Nudeln beispielsweise mit Pesto. Der Nachmittag verfliegt. Seewasserdusche bei 34 Grad. Segeltrimm. Diskussion, ob wir auf das nächstgrößere Segel gehen. Beobachten des Windes, Entscheidung seit zwei Tagen gegen größeres Segel. Wir müssen so schnell wie möglich nach Süden, wo wir in zwei Tagen kräftige Westwinde eines Tiefs erreichen könnten. Etwas Aufregung. Der Abend rückt heran. Experimentieren mit verschiedenen Filtern, um die Wolken zu fotografieren.  Bearbeiten der Bilder am Rechner. Und schon ist es wieder dunkel. Lichter und Transponder wieder an. Es bezieht wieder jemand den Posten am Kreativarbeitsplatz, am Navitisch und sinniert bis weit nach Mitternacht über Intensität und Inspiration. Wir kommen der Sache aber langsam auf die Schliche.

Comments

9 Responses to “Ein Tag an Bord”
  1. ED sagt:

    Hallo Boris,
    beneide Dich um den Tag, den Du so perfekt beschrieben hast - vermittelt eine Ahnung, warum ihr das macht.
    Hört sich nach überschaubarer Welt an, in der ihr lebt und die ihr gestalten könnt.
    Good ride weiterhin. ED

  2. Wendy sagt:

    Super geschrieben! Als ich es gelesen habe, ist das Brokkoli auf dem Herd zu Matsch geworden und mein Tee kalt geworden. Genieß die unzerstörte Zeit zu Denken!
    Wir mit Fiebern! Wendy

  3. Hallo Boris und Felix, mit Neugier und Begeisterung verschlinge ich immer Eure Berichte. Wirklich toll! Gestern rief mich Birgit an, nachdem Sie mit Felix telefoniert hatte. Vielen Dank für Deine Grüsse. Ich seid nicht allein auf den grossen Meer, irgendein Freund denkt immer an Euch. Ihr seid also 24 Stunden am Tag unter ständiger Kontrolle und in der Obhut unserer Gedanken. Es kann also nicht schiefgehen - macht weiter so! Ich bringe morgen mein kleines Schiff ins Winterlager denn hier ist es kalt geworden. Ich wünsche Euch ein entspanntes Wochenende mit den richtigen Winden. - Liebe Grüsse von Jürgen

  4. Hermann Oehme sagt:

    Hallo Ihr beiden,
    die Berichterstattung ist einmalig gut.
    Vor allem das Tracking im Zusammenhang mit der Superwindkarte mit Vorausschau. Da möchte man am liebsten mittaktieren. Ich hätte nicht gedacht, daß auf dem Südatlantik die Tiefs so schnell ziehen.
    Hier war letzte Nacht der erste Bodenfrost. Damit hat die Grünkohlzeit begonnen.
    Am Montag hilft Leon die DIXIE auszuräumen.
    Ganz liebe Grüße von Uli, Max Oscar, Linus, Hannes und
    Hermann

  5. Hallo Ihr beiden,
    das habe ich mir so vorgestellt: Duschen bei 34 Grad, ein bischen fotografieren und klönen, in den Himmel gucken - und ab und zu etwas zupfen.
    Na dann weiter so! Seht zu, dass Ihr zügig in die Windgebiete kommt und vorne bleibt.
    Liebe Grüße von Gerda und Aloys

  6. jörg sagt:

    hi boris,
    habe maria gerade deinen bericht vorgelesen. haben uns mit dir/euch gefreut! maria bastelt lichterketten im hintergrund und hat eben so nebenbei die ersten lebkuchen, mein geburtstagsgeschenk!, an die nachbars-halloween-kinder verschleudert. in meinen ohren ebt langsam das klingeln der ersten grundschulwoche ab und ich träume mich mit deinem bericht aufs meer…
    lieber gruß und weiterhin gutes gelingen
    jörg und maria

  7. Jörg Gosche sagt:

    Hi Ihr Beiden,
    auch wenn wir (nur) zu zweit einen Lust-Auszeit-Törn mit unserem EMMA Kat auf dem Atlantik machen, só erinnert mich die Schilderung doch sehr an gerade selbst gemachte Erfahrung. Ehrlich gesagt fand ich`s bei uns etwas langweiliger, weil wir ja kein Rennen fahren, was ich sonst immer tue…. . Immerhin, von Portimao los haben wir die dicke EMMA auf 17,8 Knoten gebracht mit Spi…. , sind dann aber vom Gas gegangen, damit uns nichts um die Ohren fliegt. Immerhin speisen wir von Porzellantellern… .

    Ich bin immer noch beeindruckt von Eurer Performance ….
    weiter so!

    Wir drücken weiter die Daumen.
    Gruß von den Kanaren
    Jörg und Anke Gosche

  8. Christiane Barrau (Strackerjanstrasse!!) sagt:

    Hallo Boris,
    gebe es zu, habe keine ahnung vom seglen, verfolge trotzdem jeden tag das rennen - in der frühstücks- oder mittagspause - suche das kleine blaue boot und freue mich! Gruß auch von Madalen, die ich angesteckt habe und unbekanterweise von einem meiner kollegen, der auch seit letzter woche abei ist!
    Wir drücken die daumen …
    glg aus Oldenburg, Ocholt und Würzburg :-)
    Christiane

  9. Moin aus Hamburg,

    Tolle Geschichte, dass Ihr das doch noch nach Hause gefahren habt. Wünsche euch erst mal gute erholung zwischendurch und ein fettes Race part II