Kap Hoorn: Rendezvous der Naturgewalten am Ende der Welt
März 13, 2009
(von Timo Cyriacks/Beluga PR) „Ich bin der Albatros, der am Ende der Welt auf dich wartet. Ich bin die vergessene Seele der toten Seeleute, die Kap Hoorn ansteuerten von allen Meeren der Erde. Aber sie sind nicht gestorben vom Toben der Wellen. Denn heute fliegen sie auf meinen Flügeln in die Ewigkeit, mit dem letzten Aufbrausen der antarktischen Winde.“ [Sara Vial, Gedicht am Kap-Hoorn-Ehrenmal]
Bis auf mehr als 400 Meter Höhe türmt sich das finale Glied der Andenkette im Süden Amerikas, die Bergwände im chilenischen Teil von Feuerland fallen steil ins Meer. Nicht ganz so hoch gen Himmel ragt an der Südspitze der kleinen Insel Hornos jener Basaltfelsen, der die Hölle markiert – mit Leuchtturm und Kapelle. Kurz vor der Klippe steht hier ausdrucksstark und beständig das Monument, aus dessen versetzt montierten Stahlplatten die offene Form eines in Starkwinden segelnden Albatrosses ausgespart ist. Der König der Seevögel trägt die Seelen der Seefahrer. Besonders an diesem Ort: Wo die Berge sich vor dem Meer verneigen, wo der Wind im Schnitt an drei von vier Tagen mit Stärke Acht und mehr brüllt und heult, wo es die meiste Zeit regnet, wo das Thermometer selten über zehn Grad steigt und das Wasser eiskalt ist. Dies ist das Ende der Welt. Hier ist Kap Hoorn.
Lange Jahre sahen insbesondere amerikanische und europäische Kaufleute in der lebensgefährlichen Fahrt um die unwirtliche Felsregion ein lohnendes Risiko. Vor allem Stückgut, Zement oder Kohle, auch Goldgräber und Auswanderer wurden auf Windjammern nach Südamerika oder an die nordamerikanische Westküste gebracht. Salpeter, Getreide, Erz und Guano waren auf der Fahrt von Amerika gen Europa häufig geladen. Als Westweg zu den Gewürzinseln war die Kap-Hoorn-Passage ebenfalls von großer Bedeutung. Für Dampfschiffe waren solche Distanzen wegen des hohen Brennstoffverbrauchs kaum effizient zurückzulegen. Bis zum Bau des Panamakanals Anfang des 20. Jahrhunderts gab es für Rahsegler, welche die Magellanstraße aufgrund der Wind- und Strömungsverhältnisse ähnlich schwer befahren konnten, auf dem Weg vom Atlantischen in den Pazifischen Ozean nur eine Straße: rund Kap Hoorn.
In der Glanzzeit der besegelten Handelsschifffahrt stemmten sich kraftvolle Segler gegen die Naturgewalten. Heftige Stürme achteraus, an Deck ein brodelnder Strudel, steil aufragende Brecher, höher als manche Häuserwände, die das Schiff scheinbar zum Duell auffordern, ein donnerndes Krachen, wenn sich die Wassermassen entladen, unbändige Monster mit einer weißen Schaumkrone – nur die stärkeren Segelschiffe tauchten nach solchen Szenarien, die sich hier regelmäßig abspielten, aus den Fluten wieder auf. Rund 800 Schiffen und mehr als 10.000 Menschen, so wird geschätzt, war dieses Glück nicht zuteil. Die Kap-Hoorn-Region gilt als größter Schiffsfriedhof der Welt. Vielfach endete die Herausforderung mit der Strandung auf felsigen Riffs, mit der Entmastung des Handelsseglers infolge tosender Stürme oder mit der Kollision mit Eisbergen, wenn Kapitäne auf dem Weg vom Atlantik in den Pazifik den oft wochenlangen Kampf, gegen die Gewalten anzukreuzen, schließlich entkräftet aufgaben und hoffnungsvoll gen Süden in die Ostwindzone ausweichen wollten.
An Leichtwettertagen gibt sich selbst die Kap-Hoorn-Region ruhig und sanft. Derlei Momente indes sind verschwindend selten. Die meiste Zeit des Jahres ist hier leibhaftig zu spüren, was es bedeutet, wenn sich die wegen der Winde südlich des 40. Breitengrades so titulierten „Roaring Forties“, die „Brüllenden Vierziger“, und noch näher an der Antarktis die „Howling Fifties“, die „Heulenden Fünfziger“, über viele tausend Seemeilen austoben können und erst bei Kap Hoorn an den Kontinent prallen. Von keinen Landmassen beeinflusst, bildet sich auf der Südhemisphäre ein überaus kräftiger Westwindgürtel. Die sehr kalte Luft über der Antarktis prallt an einer scharfen Frontalzone mit der wärmeren Meeresluft aus dem Norden zusammen. Enorme Temperaturunterschiede erzeugen dort in der steten westlichen Grundströmung sehr starke Tiefdruckgebiete, mit denen sich im Südmeer ausgedehnte Sturm- und Orkanfelder aufbauen. Aufgewühlt von den heftigen Winden rollen gigantische Wellensysteme Richtung Südamerika, die dann bei Kap Hoorn gegen eine natürliche Barriere laufen. Dort kann die Luft nicht vollständig mit dem Westwind über die Anden abfließen. In der Drake-Straße, zwischen der Südspitze des amerikanischen Kontinents und der Nordspitze der antarktischen Halbinsel, verwandelt der Düseneffekt einen Sturm, der hier wegen der kanalisierten Strömung immer schneller wird, zu einem wütenden Spektakel, so als würde die Luft aus einem zu engen Käfig entkommen wollen. Unberechenbare Kreuzseen bilden sich, wenn der Nordweststurm und der hohe west-südwestliche Schwell aus dem Südpazifik die Wellen aus mehreren Richtungen aufeinander treffen und sich gegenseitig überlagern lassen, und zudem die Brandung von den Felsen Feuerlands wieder zurück aufs Meer prallt. Alle Komponenten, welche die Seefahrt gefährlich machen, scheinen sich an der Südspitze Chiles zu einem unheilvollen Rendezvous verabredet zu haben.
Kap Hoorn ist ein Mythos, ein Abenteuer, ein eigenes Denkmal, „selbst der Teufel würde hier erfrieren“, hat Charles Darwin einst notiert. An Bord der ehemaligen Zehn-Kanonen-Brigg HMS „Beagle“ fuhr der junge Darwin unter Kapitän Robert FitzRoy von 1831 bis 1835 als unbezahlter Naturforscher um die Welt. Südamerikanische Küste, Kap Hoorn, Magellanstraße, Pazifik, Galapagosinseln – auf dieser Reise sammelte Charles Darwin Erfahrungen, die in ihm die Evolutionslehre von der „Origin of Species“, der „Entstehung der Arten“, aufkeimen ließen.
Im Frühjahr 1788 sollte Leutnant William Bligh den Dreimaster „Bounty“ auf schnellstem Wege von Großbritannien nach Tahiti befördern, um Stecklinge des Brotfruchtbaumes auf die Ostindischen Inseln zu transportieren. Unaufhörlich wurde versucht, die „Bounty“ rund Kap Hoorn zu bringen. Vergeblich. Die Masten schwankten wie wild, Segel rissen in den wütenden Stürmen, das Tauwerk gefror, die Mannschaft hungerte, es kam zu Verletzungen. Vier Wochen später entschied William Bligh, das Unterfangen schließlich doch aufzugeben. Stattdessen wurde eine Route über das Kap der Guten Hoffnung gewählt. Im Oktober desselben Jahres erreichte man Tahiti, von wo die Reise der „Bounty“ Monate später fortgesetzt wurde. Im April 1789 erfolgte dann südlich der Tongainseln die Meuterei von großen Teilen der gepeinigten Besatzung.
Offiziell auf die Landkarte kam Kap Hoorn und damit neben der Magellanstraße eine weitere Passage zu „El Pacifico“, dem friedlichen Ozean, infolge einer Expedition des niederländischen Kaufmanns Isaac Le Maire und des Seefahrers Willem Cornelisz Schouten, die im Mai 1615 im nordholländischen Hafen Hoorn, Geburtsort des Kapitäns, ihren Anfang nahm. Wegen ihrer konkurrierenden Kompaniezugehörigkeit war Schouten und Le Maire die Passage der Magellanstraße untersagt. Sie machten eine Durchfahrt zwischen der unbewohnten Staateninsel und Feuerland ausfindig, die Le-Maire-Straße genannt wurde. Und sie fanden die gesuchte Möglichkeit einer alternativen Passage in den Pazifik bei einer Südamerika vorgelagerten Insel. Diese tauften sie Kap Hoorn.
Vermutlich war dieser Seeweg aber schon viel früher entdeckt worden. Der englische Seefahrer und Freibeuter Sir Francis Drake sollte möglicherweise den sagenhaften Kontinent „Terra Australis Incognita“ ausfindig machen, als er im Dezember 1577 aus England aufbrach. Seine Reise führte ihn durch die Magellanstraße. Zwei Schiffe mussten bis zu diesem Zeitpunkt schon aufgegeben werden, bald sank ein weiteres und ein viertes Geleitschiff, die „Elizabeth“, geriet in stürmischer See außer Sicht. Auf der Suche nach Schiff und Crew segelte Francis Drake seine „Golden Hind“ von der Küste frei, wobei er weiter nach Süden versetzt wurde. So entdeckte er Ende 1578, dass Feuerland eine Insel ist und nicht der Anfang des unbekannten Südlandes. Kap Hoorn war erreicht, welches Francis Drake aber als Kap Elisabetha bezeichnete. Laut historischer Darstellung sei die Entdeckung der neuen Pazifikzufahrt von der Königin zum Staatsgeheimnis erklärt worden, um in jenen konfliktreichen Zeiten diese Kenntnis nicht mit anderen Nationen teilen zu müssen.
Rund 1200 nautische Meilen sind es, welche Seefahrer von einer Position 50 Grad Süd im Atlantik auf 50 Grad Süd im Pazifik tragen – gegen Wellenberge und Schwerwetter. Umgekehrt ist die Passage geringfügig unbeschwerlicher. Das deutsche Vollschiff „Susanna“ benötigte im Winter 1905 für die härtere Route fast 100 Tage. Ein Flaggschiff der „Flying-P-Liner“ der deutschen Reederei Ferdinand Laeisz stellte 1938 den Rekord auf: Die Viermastbark „Priwall“ unter Kapitän Adolf Hauth rundete das höllische Kap vom 50. bis zurück zum 50. Grad in fünf Tagen und 14 Stunden. Der historisch letzte Handelssegler ohne Hilfsmotor, welcher Kap Hoorn passierte, war ebenfalls ein „Flying-P-Liner“: die deutsche Viermastbark „Pamir“, 1949, mit 60.000 Sack Weizen als Ladung und insgesamt zum 36. Mal. Acht Jahre später sank die „Pamir“ mitten auf dem Atlantik in einem Hurrikan.
Ruhmreiche Großsegler, berühmte Persönlichkeiten. Kap Hoorn hat viele gesehen und nicht alle geduldet. Ein erfahrener Kapitän umschrieb die Situation am Höllentor der Seeschifffahrt, wo alles kälter, nasser, wechselhafter, wogender, stürmischer als anderswo ist, einmal so: „Mit Glück kommt man an Kap Hoorn vorbei. Und mit Gottes Gnade bringt man niemanden um.“
Bis 2003 gab es eine weltweite Vereinigung derer, die es mit himmlischem Beistand vollbracht hatten. Im französischen Atlantikstädtchen Saint Malo gründeten Kapitäne, die Kap Hoorn auf einem unmotorisierten Rahsegler der Handelsschifffahrt umrundet hatten, 1937 die „Amicale des Capitaines au Long-Cours Cap-Horniers“, den später international geöffneten Freundeskreis der Kapitäne auf großer Fahrt: Kap-Hoorniers. Im Sinne von Völkerverständigung und Kameradschaft, beflügelt vom Geist von St. Malo, zählte die Bruderschaft in ihrer Blütezeit in den 50er und 60er Jahren annähernd 3000 Mitglieder.
Der Gang alles Irdischen ließ die Gruppe jedoch im Laufe der Zeit mehr und mehr schrumpfen. Neue Mitglieder kamen über die Jahre nur noch spärlich hinzu. Als das Durchschnittsalter der letztlich wenigen hundert Mitglieder 2003 auf 87 Jahre angestiegen war, beschloss man, die internationale Bruderschaft aufzuheben. Ein Jahr später wurde auch das Buch der deutschen Abteilung geschlossen. Kap Hoorn bleibt ein geheimnisvoller, gefährlicher, mit Mythen behafteter Ort, den jetzt verstärkt Sportsegler und Abenteuer aller Couleur bezwingen wollen. Das bewahrt und stärkt die Tradition. Die Kap-Hoorniers sind legendär und mit ihnen alle Seefahrer, die es versucht haben, unsterblich. Selbst wenn es kein Schiff mehr, sondern ein Albatros ist, der sie mitnimmt auf die Reisen über das Meer.

Liebe Beluga-Crew! Cape Hope habt Ihr gut bewältigt. Moitessier schreibt, dass er dieses schlimmer fand als Kap Hoorn. Wir Beide drücken Euch ganz doll die Daumen, dass Ihr es ebenso erleben mögt!
Merkt Ihr, wie wir Euch jeden Abend mit anschieben?
Liebe Grüße von ULLA und MORITZ
Hallo in den Sueden, nach Studium aller einschlaegigen Wetterkarten schaetze ich, dass der Wind von Westen her kommend zunimmt. Den bekomt ihr frueher als Felipe, muesstet also mehr Speed machen koennen. Auch wenn aus Fairnessgruenden den Chilenen auch mal eine Erstquerung eines gates zu goennen waere, ist das doch eine gute Gelegenheit, etwas Boden gutzumachen.
Toller Hintergrundbericht, hat schriftstellerische Qualitaeten.
Landrattengruesse aus Madrid