Logbuch 11.11.08: Im Reich der Albatrosse
November 12, 2008
(von Boris) Es sind die anmutigsten Vögel, die ich jemals gesehen habe. Lange, schlanke Flügel, unbeschwertes Gleiten und müheloses Spiel mit den Wellenkämmen macht sie so faszinierend. Ihr Reich, das Südmeer (die Gewässer um die Antarktis), ist meist in gleichmütiges Grau getaucht. Es gibt auf der Südhalbkugel keinen Golfstrom.
Schon hier bei 35 Süd ist es die kalte und klare Luft, der weite Himmel, den man bei uns erst auf 60 Grad Nord findet.
Wir nähern uns dem Großen Süden. Doch den Gipfel erreichen wir erst bei Kap Hoorn, unserer voraussichtlich südlichsten Position.
Grund zu feiern
Wir stehen kurz vorm ersten Urlaub in unserem neuen Job. Die Probezeit wurde verlängert. Noch sind wir stündlich kündbar. Erst wenn wir im Dock des Royal Cape Town Yacht Club festgemacht haben sind wir für ein paar Wochen fest übernommen - bis wir aufs Neue auf die Probe gestellt werden.
Sicher? Ob es in Kapstadt wohl sicherer ist? Ich bin beim Nachdenken über das Vendee Globe zu der Überzeugung gekommen, dass Risiko weitestgehend konstant ist in unserem Leben. Dass wir in Kapstadt mit dem Fuß umknicken ist so unwahrscheinlich, wie dass uns hier was passiert, vor allem weil hier die Sinne jeden Moment auf Alarmbereitschaft eingestellt sind. (Meine Risikokonstante gilt natürlich nur für den Vergleich dessen, was ich kenne; sicher nicht z.B. für Journalisten im Kongo oder im nahen Osten).
Es gab zwei weitere Gründe zum Feiern: Gestern um 16 Uhr haben wir gewohnheitsgemäß mit einem Glas Whiskey auf die Unterschreitung der 1000 SM Distanz zum Ziel angestoßen. Heute Morgen folgte dann ein doppelter Kaffee für die Überquerung von Greenwich, ein Ereignis, das mir mehr bedeutet, als der Äquator, es hat mehr Beziehung zu Europa.
Ozeanschach
Weiter bolzen wir wie schon seit Tagen gegenan. Karges Leben in einer um 25 Grad geneigten Schleudertrommel. Die See ist konfus. Es läuft gerade nicht so flott. Ich stehe draußen an der Großschotwinsch in der Nähe des Windgenerators, der sich anhört wie der Propeller eines kleinen Flugzeugs im Standgas. Da Fällt mir ein: “Bestimmt muss das Groß dichter”, hat Wilfried neulich per Mail augenzwinkernd geschrieben. Im heimischen Zwischenahner Segelklub hat er uns manches Mal im 505er mit dem, für einen glatten Binnensee zu offenen Großsegel beobachtet. Unwillkürlich drehe ich in Gedanken ein paar Törns an der Großschotwinsch.
Es ist schwer, einen Kompromiss zu finden, ohne permanent zu trimmen. Seit 24 Stunden ist es extrem böig und unkonstant. Die Meteorologen sollen uns mal erklären warum. Das hab ich auf hoher See noch nie erlebt. Spannend! 50 Grad Dreher letzte Nacht und Wind zwischen 11 und 20 Knoten springend trotz einheitlicher Bewölkung.
Verflixte Wettersituation: Unser Vorsprung hat uns wieder in so eine große strategische Separierung von der Konkurrenz getrieben wie in eine Falle.
Wir haben kaum eine Möglichkeit nach Süden zu decken, die anderen zu stoppen. Nach den aktuellen Modellen behalten wir einen guten halben Tag Vorsprung im Ziel. Doch wehe, das Hoch verhält sich anders, zieht etwas nördlicher, fängt uns und beschert den anderen raumschots Surfs unter Spi. Dann können 400 Sm Vorsprung schnell schmilzen.
Es wird noch richtig spannend zum Ende. Mowgli schätze ich am gefährlichsten ein. Sie sind schon in den roaring 40s, fast 500 sm südlich von unserer Route wird sie ihr Weg führen, ergibt unser Routing. Wir stehen in Kontakt: Bei ihnen ist es kälter, Dave hatte Sonntag Geburtstag und sein Bruder Alex Thompson musste heute beim Vendee aufgeben.
Vendee Tragödien
Der Vendee-Start ist nicht optimal gelaufen. Ob es sein musste, das Feld in diese Front starten zu lassen? Zwar sind dort 300 Zuschauerboote, 2000 Journalisten und 500.000 Zuschauer, aber man hätte einen Showstart machen können, um dann heute ernsthaft zu starten.
Es geht mir am nächsten mit Yannick Bestaven: Er hat 2001 mit mir das Minitransat geseglt (gewonnen) und so einen schweren Sommer gehabt. Ich hab ihn bewundert wie er das durchsteht. Sein Sponsor Cervin war am Aktienmarkt, Umsatz abgestürzt und konnte die zweite Tranche nicht leisten. Jetzt hat er mit Aquarelle.com wieder den Sponsor aus den Minizeiten.
So, dann fangen wir langsam mal an, uns landfein zu machen. Ganz hoffentlich schaffen wir es ja noch, uns zum Volvo Ocean Race Start einzureihen.
Liebe Grüße von Bord

Haltet durch Jungs!
Das bleibt ja wirklich spannend bis zum Schluss. Ich habe hier nur die Wetterprognosen, die auf der Portimao-site angeboten werden. Danach bleibt es heute ja zäh für Euch, aber danach ist mit einer Rechtsdrehung zu rechnen, die euch mit ordentlicher Geschwindigkeit weiter zum Ziel führt und
ALLES WIRD GUT!
Die Verfolger werden schneller segeln können, aber es wird Ihnen wohl nicht mehr nützen, dazu habt ihr Euren Job bisher zu gut gemacht.
toi, toi, toi
D