Logbuch Fortsetzung Tag 3, 22. Juli - Zwischen Nebelbänken und Flautenlöchern

Juli 23, 2008 · Print This Article

Sonnenuntergang im Sankt Lorenz Strom an Tag zweivon Boris. Kommt am Land ein Winddreher? Ist der Gegenstrom in der Mitte schwächer oder gar mit uns? Bleibt die Böe oder lohnt es sich auf die Stagfock zu wechseln? Eine unglaubliche Nacht, in die wir voller Elan und mit besten Absichten starten. Am letzten Wegepunkt “Rimuski” hatten wir an fünfter Stelle gelegen. Ein erster Höhepunkt. Von Rimuski segeln wir dann gemeinsam mit `Yvan Noblet`s Apart City, der beim Artemis Transat ganz in meiner Nähe aufgeben musste, in die Nebelnacht, begleitet von Rufen und Pfiffen der Zuschauer auf der nahen Mole. Was für eine Nacht? Nicht enden wollender, nasser, kalter Nebel. Keine Sicht, Böen, ruppiges Kreuzen. Wir verfolgen die Idee, in Küstennähe Passieren des Wegepunktes vor Rimouski an 5. Stelle am frühen Morgengünstige Winddreher zu finden, doch am nächsten Morgen müssen wir einsehen, dass wir kein glückliches Händchen für Taktik hatten in dieser Nacht. Yvan ist auf Platz 3 und wir auf Platz 11. In Küstennähe sind wir leichteren Winden und stärkeren Strömungen zum Opfer gefallen. Mit viel Erfahrung kann man diese Umstände vorherahnen, Daten, wie für das Wetter auf hoher See, gibt es aber nicht. Es kommt auf das seglerische Gespür und die Intuition an. Doch auf welche Reize sollen die seglerischen Reflexe im Nebel reagieren? Es bleien eine handvoll Zahlen auf einem kleinen Display als Abwechslung für die, vom in den Nebel Starren müden Augen. In den Nebel starren kann einen verrückt machen. Lötzlich meint man etwas zu sehen. Und es war nichts. Kommt wirklich etwas, sieht man es erst zu spät: Die Schoten quiteschen auf den Winschen und Apart City ändert in voller Fahrt seinen Kurs, um uns auszuweichen, und geht knapp hinter unserem Heck durch, obwohl sie Vorfahrt haben, da Ihre Segel auf der Backbordseite stehen. Über Funk entschuldige ich mich und wünsche ihnen gute Fahrt. Yvan ist kein bisschen böse. Er konnte sicher unser AIS Signal lange sehen und hat seins bewusst ausgeschaltet, um den Konkurrenten nicht seine Taktik zu verraten. AIS ist ein Funksignal, mit dem Schiffe ihre GPS Position zu anderen Schffen übermitteln, so wie Transponder bei Flugzeugen vom Tower verfolgt werden können. Ich sehe lange im Voraus ein ankerndes Frachtschiff, mit Namen und genauer Größe und Position. Boris repariert einen Mastrutscher des GroßsegelsEin Winddreher lässt uns genau darauf zuhalten, wir hoffen für einen Moment, ohne Ausweichmanöver daran vorbeizukommen, doch es passt nicht. 50 Meter vor uns ragt plötzlich eine riesige Wand auf. Wir können weder Brücke noch Deck sehen, nur diese Wand und wenden uns frei. Irgendwann wünschen wir uns nur noch, endlich mal wieder etwas zu sehen, ausser Nebel. Vielleicht auch desshalb versuchen wir es wieder unter Land. Es sieht lange gut aus, wir drehen günstig mit dem wind unter Land und die Strümung steht günstiger. Doch plötzlich landen wir in einem Windloch. Dieses könnte vielleicht damit erklärt werden, dass ein östlicher Wind der auf der Nordhalbkugel an einer Küste entlangweht, “divergiert”. Der, über Land und See unterschiedlich schnelle Wind ändert seine Richtung wegen des Corrioliseffektes so, dass es zu einer Abschwächung des Windes kommt. Wir hatten nicht damit gerechnet, da die Küste sehr zerklüftet und bergig ist. Grau ist alle Theorie, auf unserer Seekarte müssen wir schlicht sehen, wir wir gegenüber den anderen einige Meilne verlieren. Doch immerhin sehen wir endlich etwas. Grünes Land. Hügelige Berge voller Bäume - einige Häuser, einen kleinen Hafen. Es gibt sie och, die Welt außerhalb des Schiffes. Mit dem Nachmittag kommt ein drastischer Wechsel. Vom Land weg segeln wir unter Dustschwaden durch ins Freie, klarer Himmel, Sonne und weite Sicht. Ein großes Glück für die Sinne und die Laune. Doch mit dem Nebel schwindet auch der Wind und bald stehen wir in einer völligen Flaute unter stechender Sonne. So haben wir Julien Kleinerinnerhalb von 24 Stunden die extremen Gegensätze. Während ich dieses schreibe, gibt sich Julien draußen die größte Mühe, auf der glatten See den Wind zu lesen. Wir wenden in Windstriche, warten kleine Dreher ab und geloben Besserung, Besserung unserer Performance bis Percé, dem nächsten Wegepunkt mit einer noch nur leichten Angst im Nacken den Anschluß zu verlieren. Wäre ich alleine, ich wäre verzweifelt, fast 30 SM hinter dem ersten. Doch ich genieße es auch einfach, mit Freunden zu segeln und das Rennen ist noch lang. Nur alleine hat man sowieso diese extremen Emotionen. In der Gruppe ist das irgendwie anders. Neu für mich. Ungewohnt. Und auch das effektivste Zusammenspiel tüfteln wir noch aus. Relativ gelassen.

Bis morgen - gute Nacht
und wünscht uns eine günstige Brise!

Boris

Comments

7 Responses to “Logbuch Fortsetzung Tag 3, 22. Juli - Zwischen Nebelbänken und Flautenlöchern”

  1. Dirk on Juli 23rd, 2008 12:07

    Was für ein Glück, dass ihr aus der Suppe raus seid! Drücke Daumen für die offene See. Positionsberichte sind ja noch spannender als die Börse! Gerade kam der 0900 report: drei Plätze weiter vorn und die Führenden parken komfortabel bei VMG 1,2 - ihr bleibt dran!!!

    toi, toi, toi, D

  2. Matthias on Juli 23rd, 2008 18:27

    Ich verfolge Eure Reise seit Vorgestern und find´s unglaublich spannend. Das Feld ist derzeit noch relativ dicht zusammen, weshalb da noch alles drin ist. Für die Weiterfahrt alles Gute und haltet uns auf dem Laufenden.

  3. Alexa vom Berg on Juli 23rd, 2008 23:02

    Hi Boris,
    du bist einfach super, ich beneide dich, deine Logbucheinträge sind super, die von Meike auch.
    Viel Glück und Spaß, lass dich nicht stressen!
    Alexa

  4. Dunja Pietrasch on Juli 24th, 2008 08:03

    hey ihr lieben, guten morgen (naja, bei euch scheinen ja noch die sterne vom himmel : ))))!

    cool, da habt ihr euch ja richtig nach vorne gedrängelt, was für ein pulk!! da werden die karten ja wieder komplett anders gemischt…. prima einstieg für den atlantik!

    wünsche euch weiter viel spaß, grüßt die wale und delfine von mir und lasst es euch gutgehen!

    viel erfolg!
    dunja

  5. Manfred on Juli 24th, 2008 09:29

    WOW! Aufholjagd geglückt und da ist noch mehr drin in den nächsten Stunden. Cool bleiben und smooth sailing! _/) _/)

  6. Jens on Juli 24th, 2008 09:41

    Hey Julien,

    nach der Morgenrunde habe ich mir heute direkt mal eure Seite und den Logbucheintrag von vorgestern angeschaut.

    Hört sich wirklich super abenteuerlich an und die Bilder sprechen auch für sich.

    Das mit dem Windlesen bei glatter See musst du mir als Nicht-Segler nochmal unbedingt bei ‘nem Bier erklären.

    Wünsche euch noch viel Spass und Erfolg!

    Grüße aus Kiel
    Jens

  7. Dirk on Juli 24th, 2008 12:06

    Klasse dieser Neustart!
    Hammerhart aber auch dies: Da fährt einer auf die Rockies, liegt eine Tide hoch und trocken auf dem Felsen, während sich die anderen davon machen, und kaum einen Tag später führt der! Bei diesem Rennen ist offenbar alles drin! Egal wie’s kommt, weitermachen, abgerechnet wird am Schluss und ihr seit mittendrin und voll dabei! Super!!

    D

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