Logbuch Tag 10, 20. Mai - Halbzeit!

Mai 20, 2008 · Print This Article

Boris berichtet heute Morgen von Bord:

Pssst - ich habe Südwind - keinem sagen! Hole hoffentlich gerade unter Gennaker wieder auf. Es ist seit heute Nacht doch wieder ein Leichtwind-Poker. Laufe jetzt auf Steuerbordbug mit 8,4 Knoten genau auf den Wegepunkt zu, über glatte leicht hügelige See an einem freundlichen, nur leicht gräulichen und warmen Sommermorgen auf dem Nordatlantik.

Nachts war hart. Man konnte nicht schlafen, weil der Wind drehte und total flau wurde. Irgendwann musste ich etwas schlafen und habe einen Holeschlag in einem Dreher gemacht. Der war nicht optimal, denn ich habe seit 4 Uhr morgens 8 Meilen verloren. Ich hoffe, bei dem Position Report um 10 oder 12 Uhr wieder auf Platz 2 zu liegen.

Abends schreibt Boris weiter:

Liebe Websiteleser. Mich erreichen heute auf der Beluga Racer wieder Kommentare und Nachrichten, die mir meine Freundin Meike an Bord weiterleitet. Von nahen und fernen Verwandten, von ganz verschiedenen Leuten. Das freut mich sehr! Schreibt munter weiter (boris@beluga-racer.com). Ich lese alles und es motiviert mich unheimlich.

Eine Nachricht erreicht mich von Wolfgang Quix. Er ist dieses Rennen schon drei Mal gesegelt, wobei er seine Boote stets selbst konzipiert und z.T. gebaut hat. Er segelte zu jener Zeit, als es keine festen Klassen gab, so wie unsere streng eingegrenzte Class40. Zu Quix Zeiten spielte noch stärker das größte Budget eine Rolle, denn professioneller Yachtsport in dieser Form hat sich ja erst in den letzten Jahren entwickelt. Es ist daher sehr beachtlich, dass Wolfgang einen wunderbaren Open 50 an den Start gebracht hatte. Ein Schiff aus Aluminium, was wohl zuletzt nicht mehr mit den modernen Rennmaschinen mithalten konnte. Dennoch ein beeindruckendes Schiff. Ich habe es selbst im Winterlager in Rendsburg gesehen. Mit dem 4 Meter tiefen Kiel steht es an Land, hoch wie eine Kathedrale. Wolfgang ist mit dem Schiff in unkartografiertes Gebiet in der Arktis gesegelt und dafür mit dem Schlimbach-Preis ausgezeichnet worden.

Witzig: Beim Minitransat vor 30 Jahren war Wolfgang der erste deutsche Teilnehmer überhaupt. Beim Zwischenstopp in La Coruna hatte er Halvard Mabire  an Bord seines Minis beherbergt, da Halvards Schiff stark beschädigt und halb voll Wasser war. Halvard ist mit dem Class 40 „Custo Pol“ nun wieder hier dabei. Er hat dieses Rennen auch schon etliche Male gesegelt, unter anderem hat er auch an der Paris Dakar-Rally teilgenommen.

Gerade kommt der 18 Uhr Position Report. Ich bin etwas enttäuscht. Heute habe ich wirklich gekämpft, wollte unbedingt wieder auf den Zweiten, auf dem ich ja um 4 Uhr UTC noch lag. Nun habe ich kontinuierlich Meilen auf die zwei in Lee liegenden Yachten verloren. „Mistral Loisier“ ist baugleich, auch eine Akilaria 40. „Apart City „ist ein Spezialbau und der 27 Jahre junge Yvan ein wortkarger Bretone, der in Riec sur Belon wohnt, wo die berühmten Belon-Austern herkommen. Ein superschöner Ort. Mit meinem Mini lag ich dort 2001 für 2 Wochen am Mooring und habe Urlaubszeit mit meiner Mutter verbracht.

Also diese beiden Konkurrenten haben mich heute etwas ausgesegelt. Aber vielleicht hatten sie weniger Gegenstrom, der mich den ganzen Tag mit ca. 1 bis 1,5 Knoten ausbremste.

Wir sind uns jetzt sehr nah, nur 8 Meilen stehe ich im Süden. Ich halte schon Ausschau aber es ist zu diesig. Im Funk habe ich sie gerufen, aber sie antworten nicht - komisch!

Ich bin erschöpft von diesem Tag und der Nacht, fühle mich etwas angeschlagen. Es hat tierisch geregnet und ich habe einige Stunden in dem Regen gesteuert.

Mein Ziel ist es, mich gut auszuschlafen und neue Kraft zu schöpfen, also werde ich heute Abend kein Video vorbereiten und auch nicht so lange schreiben.

Jetzt nach 18 Uhr beginnt ja wieder das Segeln im Dunkeln - hinsichtlich der Taktik der Konkurrenten – da es erst morgen früh den nächsten Position Report gibt. Das entspannt etwas und gibt Raum, dass ich mehr auf mich und das Schiff konzentriere. Ich hoffe einfach, dass wir morgen noch gut dran sind und nichts verlieren über die Nacht. Ich bin der einzige, der sein AIS nicht ausgeschaltet hat. Alle anderen haben dieses Funkgerät direkt nach dem Start abgeschaltet, um den anderen nicht permanent ihre Position und den Speed zu verraten. Da ich etwa 14 Meilen weit sende, können die anderen beiden das jetzt sehen. Ich ihres aber nicht. Das ist sehr schade. Auch aus Sicherheitsgründen. Es ist schon vorgekommen, dass Konkurrenten mitten auf dem Meer kollidierten. Ich lasse Funk und AIS an, damit Frachtschiffe mich rechtzeitig auf dem Schirm orten und ausweichen können.

Von meinem Sitz aus hier kann ich aus dem Fenster sehen, da das Schiff so sehr krängt. Gerade schweift mein Blick über die See und zufällig in dem Moment springt ein Delfin bestimmt 2 Meter hoch aus dem Wasser.

Komischerweise haben die Delfine noch nie Anstalten gemacht, uns zu folgen und mit uns zu spielen, so wie sie sonst eigentlich immer tun. Schade.

Mich erreicht die Nachricht, dass der Open 60 „PRB“ einen Kielschaden hat und aufgegeben wird. Der Skipper Vincent wird von Loic an Bord genommen. Etwas mulmiges Gefühl löst es aus, an das noch bevorstehende Wetter und die Herausforderungen zu denken. Nach meinem Routing kommen wir mit starken Gegenwinden von 28 Knoten beim Ice Gate an. Das Leben wird dann wieder extrem hart werden, auch weil die Schiffe recht schnell sind und dann so in die See krachen. Ich hoffe sehr, dass uns nichts Stärkeres begegnet.

Was wohl so in der Welt passiert, während ich hier lang segle? Leider hab ich das Netzteil für meinen Weltempfänger wohl versehentlich von Bord geräumt.

Sonst würde ich bestimmt ein mal am Tag Deutsche Welle Nachrichten hören, so wie ich es beim Minitransat auch gemacht habe. Das öffnet dann auch mal wieder die Gedanken und befreit einen kurzzeitig von diesem Inselgeist.

Ich höre immer wieder schöne Musik, um mich aufzuheitern. Z.B. Jetzt gerade Paolo Conte. Dieses Album hab ich auch oft gehört, als ich an meiner Diplomarbeit saß und habe dann stets genüsslich einen italienischen Espresso dazu getrunken. Ich habe die Arbeit mit der gleichen Tastatur geschrieben, die ich auch hier nutze. Welch andere Herausforderung nun. Vor dieser kann ich wahrhaftig nicht weglaufen und pausieren. Aber die Diplomarbeit ist mir auch wirklich nicht leicht gefallen. Ich habe ein Jahr an ihr geschrieben, mit einer längeren Unterbrechung, als wir in Australien bei SAP gearbeitet und 505er gesegelt haben.

Mental beginne ich mich auf die zweite Hälfte und die Strecke jenseits des Ice Gates einzustellen. Wolfgang Quix hat mir in seiner Nachricht heute geschrieben, die zweite Hälfte sei die schwierigere und ich solle mich an Soldini festbeißen.

Ich blättere im Eric Tabarly-Buch zu seinem Bericht über seine zweite Regatta-Hälfte im Jahr 1964 (Eric Tabarly hat damals völlig überraschend als erster Nicht-Engländer das Rennen gewonnen und ist seitdem französischer Segelheld). So viel war damals ganz ähnlich für ihn, wie für uns. Der Hauptunterschied besteht in der Elektronik, die uns heute umgibt. Würde man diese rausschmeißen, wäre die Situation gar nicht so anders, als für Tabarly.

Na gut - er hatte einen Kohleofen. Aber in der Tat - auch heute haben viele Konkurrenten eine Dieselheizung, um der Kälte zu trotzen.

Ich bin gespannt, wie das Spiel mit Golf- und Labradorstrom wird. Hoffentlich begegne ich nicht zu vielen Fischern. Fischer sind gefährlich für uns, wie Minen. Ich rechne nicht damit Eisschollen zu begegnen, die sind natürlich noch tückischer. Die Eiskarten und Wetterdaten für jenseits des Ice Gates werde ich erst in 2 Tagen studieren, wenn es unmittelbar bevorsteht.

Heute Nacht werden wir genau die Hälfte der Distanz geschafft haben. In 10 Tagen. Also insgesamt wohl 20 Tage? Mal sehen. Eric Tabarly schreibt von sehr unsteten Bedingungen an der amerikanischen Küste. Eiskalten Schauerböen, plötzlichem Nebel, merklicher Wärme, nachts mit nacktem Oberkörper draußen in einem Golfstrom-Strudel, beschreibt er. Also ich denke, das ist eine verrückte Ecke. Wie werden Sable Island dicht passieren, ein Schiffsfriedhof erster Güte. Vorher die Grand Banks mit den vielen Fischern und vielen Ölplattformen auf den Neufundland-Bänken. Gestern kam eine Mail der Rennleitung mit den genauen Positionen der Ölaktivitäten, eine lange Liste von Punkten. Mit diesen Gedanken lasse ich den Tag ausklingen. Draußen gibt es nichts zu verpassen. Sonst, in den Tropen, oder bei einem Transat in die Karibik lässt man den Tag mit einem kleinen Drink und dem Blick auf den Sonnenuntergang ausklingen. Ich habe beim Minitransat so oft völlig fasziniert die wilden tropischen Wolkenschiffe beobachtet, auch im Passat und den mittleren Breiten bietet der Himmel auf See oft einen umwerfenden Anblick. Hier hingegen ist es mausegrau. Ich kann mich lieber hier an den Navi-Tisch an den Computer flüchten, mich hier einkeilen, damit ich bei der starken Lage des Schiffes nicht wegrutsche. Apropos, würde ich Zeit haben, würde ich in Zukunft einen schwenkbaren oder drehbaren Navi-Tisch einbauen, so wie es auch Halvard in seinem neuen Boot hat. Es ist so blöd tagelang den Nacken zu verrenken und sich schief hier davor zu klemmen. Mit einer nach Luv drehbaren Navi-Zentrale würde man sogar mehr Gewicht nach Luv bringen. Das finde ich ein geniales Konzept.

Morgen schick ich dann wieder ein Video, wenn das Wetter es zuläßt. Also, gute Nacht und einen erfolgreichen Mittwoch wünsch ich Euch!

Comments

8 Responses to “Logbuch Tag 10, 20. Mai - Halbzeit!”

  1. Julien on Mai 21st, 2008 09:19

    Das entwickelt sich ja zu einem matchrace mit Thierry, ich bin sicher, dass Du ihn bis zum icegate abgeschüttelt hast!

    Liebe Grüße

    Julien

  2. Ulla on Mai 21st, 2008 20:04

    Hallo Boris, da bin ich ja mal gespannt, ob Du Deinen Geburtstag tatsächlich an Land verbringst! Nun hast Du die Hälfte geschafft. Moritz wartet in Danzig auf die Weiterfahrt und kämpft mit seinen Apparaten, ausserdem ist es dort noch kalt. Ich habe heute die Probedrucke des Jahrbuches abgeholt - Du erscheinst dort mit dem Artikel der NWZ. Gute Weiterfahrt wünsche ich Dir! Liebe Grüße von ULLA

  3. Markus on Mai 21st, 2008 20:35

    Keep going, Boris

    Grusse aus dem sonnigen Colorado
    Markus

  4. Matthias on Mai 21st, 2008 22:29

    Ich bin über den Spiegel auf diese Seite gestoßen!

    Wünsche ganz viel Glück und Erfolg - das hört sich für mich verdammt nach großem Abenteuer an!

    Weiter so!!!!! ;-)

    Grüße Matthias aus Berlin

  5. Axel on Mai 21st, 2008 23:12

    Lieber Boris,
    wir vom Weidler Team verfolgen täglich mehrmals deine Veränderungen am Kurs. Wir senden dir ein paar warme grüße aus Norddeutschland und wünschen dir weiterhin einen guten Wind, positive Stimmung sowie dass du die Konkurrenz in Schach hältst. So wie du im 505 segelst wirst du auf einem super Spitzenplatz das Ziel erreichen.
    WIR drücken dir ganz fest die Daumen und wünschen allen Walen und Eisbergen viel Abstand zur Beluga !!!
    Grüße Axel
    GER 8958

  6. Dirk on Mai 22nd, 2008 14:40

    Mensh Boris, das läuft ja im Moment beängstignd gut für Dich! (Stand: Report 0522 / 12:00 GMT). Im Mtchrace gg. Thierry die Nase vorn, ihr beide Giovanni auf den Fersen, sein Vorsprung verringert sich, und der Rest des Feldes fällt deutlich zurück!!

    Jetzt ist auch die größte Sensation nicht mehr ausgeschlossen - und wenn die Eintritt, lass’ ich mir die Haare Beluga-blau färben - versprochen!

    Dirk

  7. admin on Mai 22nd, 2008 14:46

    Dirk, wir nehmen Dich beim Wort :-)

  8. Regina on Mai 28th, 2008 06:41

    Lieber Boris,

    herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!

    Täglich verfolge ich Deine Tour und lese Dein spannendes Tagebuch! Du schreibst einfach toll! Auch die Videos sind faszinierend!

    Ich wünsche Dir alles Gute und komm gut in Boston an!

    Liebe Grüße
    Regina vom NGO

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