Logbuch Tag 12, 22. Mai - Ein extrem enger Fight

Mai 22, 2008 · Print This Article

Am Morgen schreibt Boris von Bord:

Guten Morgen,

gestern habe ich keinen Satz geschrieben. Die letzten 24 Stunden waren wie eine Dreiecks-Regatta bei der Kieler Woche. Allerdings behalten wir die Richtung bei, nur der Wind kommt abwechselnd von vorne und von hinten, wieder Spi hoch, wieder runter, an die Kreuz usw. Manöver an Manöver, um auf Kurs bleiben zu können.

Außerdem ist es, wie ihr seht, ein extrem enger Fight. In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch lag ich ja noch an 4. Stelle, fuhr aber eine ähnliche Route wie Apart City und Mistral Loisirs. Etwa um 2 Uhr in der pechschwarzen Nacht zoome ich in die elektronische Seekarte und entdecke ein AIS Symbol direkt unter bzw. neben meinem eigenen Standort. Ich schaue raus und sehe gerade noch die Hecklaterne von - ich schätze es war Apart City. Er war schon auf dem neuen Bug, wir beide an der Kreuz bei 16 Knoten Wind. Ich lag auf der Lauer für den passenden Winddreher, um zu wenden, weshalb ich auch in dem Moment wach war. So war es Zufall, dass ich nach einer Woche Regatta einen meiner Konkurrenten für eine Minute gesehen habe, bis er im Nieseldunst der windigen, stockfinsteren Nacht wieder verschwand. In dem Moment erwischte ich den angestrebten Windbereich für die Wende. Der Wind hatte kontinuierlich rechts gedreht und bei einem bestimmten Winkel war es vorteilhafter auf Backbordbug zu gehen. Also fuhr ich jetzt Apart City hinterher und konnte noch sein AIS Signal sehen. Wahrscheinlich hatte er es vorübergehend eingeschaltet um bei der Begegnung die Gefahr einer Kollision zu verringern. Ich kann am Bildschirm auf sein Signal klicken und sehe seinen Speed und Kurs, was mir erstmal natürlich als Messlatte dient. 9,3 Knoten hoch am Wind. Ich lag bei 8. Also mit der Taschenlampe raus und so lange trimmen, von Hand eine Stunde steuern, um optimales Gefühl zu bekommen. Es war ziemlich die Grenze für Genua und Groß, die Grenze vor dem Reffen. Wir hatten ungefähr 1 Knoten Golfstrom mit und ich konnte so auch die 9,3 Knoten über Grund erreichen. Als ich wieder unter Deck ging, war sein AIS-Signal weg und ich völlig durchnässt.

In der Koje zuckte ich bei jedem Schlag in die Wellen zusammen. Hätte Apart City gerade nicht diese Vorlage gemacht, wäre ich schon längst auf die Stagfock gewechselt, die das Schiff etwas weniger in die See krachen lässt. Doch ich glaube, das wäre auch langsamer gewesen und so habe ich versucht, den Lärm langsam zu ignorieren und einzuschlafen.

Einige Checks in der Nacht, aber im Ganzen konstante Bedingungen. So konnte ich bis zum nächsten Morgen letztendlich ein gutes Schlafpolster anlegen und um 6 Uhr gespannt auf den Position Report warten. Überraschung: Ich war die ganze Nacht höher gelaufen, also mehr nach Norden und Apart City wohl mit dem gleichen Speed südlicher. Das bedeutet, ich war unserem Ziel schneller näher gekommen und lag jetzt 8 Meilen vor ihm - unglaublich.

Rückblickend betrachtet war der Moment in der Nacht der Ausgangspunkt eines taktischen Scheideweges, dessen Ausgang immer noch ungewiss ist. Denn am darauffolgenden Tag, also gestern (Mittwoch 21.5.) lag eine Flautenzone wie eine Barriere vor uns und wir konnten uns entscheiden, diese nördlich oder südlich zu umfahren. Ich hielt auf das nördliche Ende zu, da ich dort eh schon näher dran war, es besser zu meinem aktuellen Wind passte und außerdem hatte ich nicht den Eindruck, dass man sie südlich passieren konnte, sondern mitten hindurch musste. Es war nur ein kleines Gebiet, was vielleicht in 3-4 Stunden über einen hinweg gezogen sein konnte. Eine nervenaufreibende Situation. Mir wird mulmig und ich erinnere mich daran, dass Unai Basurko, der spanische Open 60-Teilnehmer aufgab, als er an etwa dieser Stelle für einen halben Tag in der Flaute hängen blieb und keine Chance auf Anschluss mehr sah.

Aber er war im Süden hängen geblieben und so wurde meine intuitive Wahl mit Hoffnung untermauert. Thierry auf Mistral Loisir schien die gleichen Wetterdaten zu nutzen, denn wir kamen uns immer näher und steuerten genau die gleichen Wegepunkte an, bis ich schließlich etwa eine knappe Meile hinter ihm lag und ihn mit dem Fernglas im Niedergang stehen sehen konnte.

Wir erreichten gemeinsam die vermeintliche Nordspitze dieses Flautengebietes und blieben dort zusammen einige Stunden unter Spi stecken. Der Wind wurde so schwach, dass wir über Grund rückwärts vom Golfstrom getrieben wurden: VMC -0,8 Knoten. (VMC = Geschwindigkeit zum Wegpunkt)

Dazu gab es natürlich etwas Dünung und Schwell, so dass man mit akrobatischer Reaktionsgeschwindigkeit mit der Pinne versuchen konnte, das Boot so zu dirigieren, dass der Spinnaker stehen blieb, aber das alles für den Lohn eines VMC von immerhin 0 Knoten. Auch mal nicht schlecht. Besser als -0,8 Knoten.

Zum Ausgleich gab es etwas Sonne und klaren Himmel. Dennoch anstrengend.

Unter Autopilot hätte sich der Spi wahrscheinlich zu einer festen Wurst ums Vorstag verknotet, denn die Windinstrumente drehten sich bei dem schwachen Wind nur um sich selbst, von den Bootsbewegungen allein aufgeschreckt.

Ich kenne Thierry auf Mistral Loisirs nicht und habe keine Beziehung zu ihm. Er kam erst spät nach Plymouth und lag in einem anderen Teil des Hafens. Ich habe im April einmal mit ihm telefoniert, da ich sein Boot kaufen wollte. Ich hätte mich über ein Kennenlernen per UKW gefreut, aber es war einfach keine Möglichkeit vom Ruder wegzukommen und er machte seinen Job auch gut, so dass ich nicht näher zu ihm aufschließen konnte. Die Wetterdaten prophezeiten uns einen Dreher in ca. 2 Stunden, so dass wir mit einer Halse dann gut wieder vorankommen würden. Thierry allerdings schien die Geduld zu verlieren und bei dem ersten Anzeichen eines Drehers halste er sofort. Man konnte schnell sehen, dass er so noch schlechter vorankam und so halste er nach 15 Min zurück. Was ihn erstaunlicherweise nicht viel kostete. Noch ein Eindruck, dass er weiß was er tut und seine Sache gut macht. Es sah mir so aus, als würde sein Spi 95 % der Zeit stehen und meiner nur 80 %. Der Abstand vergrößerte sich wieder ein ganz wenig, sprich er lief wahrscheinlich Speed über Grund 0,01 Knoten und ich minus 0,05 Knoten.

Jetzt ist Mistral Loisirs ca. 200 Meter in Luv und 2 Meilen achteraus und ich kann ihn gut beobachten, um meinen Speed abzuschätzen. Seit er vor einer Stunde mit Verschwinden des Dunstes sichtbar wurde, halten wir den Abstand etwa. Es ist jetzt gute Sicht und ein Kurs, maximal am Wind, die Genua-Schot dicht geknallt und das Groß so lose, dass es eben nicht schlägt – Ende der Flautenzone. Maximaler Windspeed für diese Besegelung ohne Reff. Ca. 15,5 Knoten Wind und wir laufen 8,7 Knoten Speed durchs Wasser bei einem Winkel von 42 Grad zum wahren Wind. Ganz beachtliche Leistung des Schiffes! Verdankt es seinem Powerkiel. Das Segel fängt auch schon wieder mächtig an zu schlagen und es ist nur eine Frage der Zeit, wann wir auf Stagfock gehen, dann 1. Reff, 2. Reff., 3. Reff, Reff in der Stagfock und dann, was ich nicht hoffe, Sturmfock. Doch es könnten Böen bis 50 Knoten kommen, das hieße Sturmfock und Trysegel oder Sturmfock und 3. oder 4. Reff im Groß.

Also viel Arbeit vor uns und daher wahrscheinlich weniger Berichte von Bord.

Also keine Sorge, hier ist alles wohlauf. Wird es windig, dann heißt es « no news - good news ».

Liebe Grüße von 41 N und 44,5 W um 10:05 UTC

Boris 

 

Am Abend schreibt Boris uns:

40 Grad 50 Min Nord und 46 Grad 10 Min West. 23 Knoten Wind aus SSW. Extrem raue See. Bootsspeed 8,6 Knoten. Speed über Grund 7 Knoten, also 1,6 Knoten Golfstrom gegenan. Aber er bringt uns Wärme. Hier drinnen ist es 23 Grad warm - sehr angenehm.

Wir fahren unter Stagfock und 1. Reff im Groß. Säße mir nicht Thierry so im Nacken, wäre ich schon vor etwa einer Stunde ins 2. Reff gegangen. Aber wäre dies kein Rennen und keine Konkurrenten da, wäre ich gar nicht hier. Dann wäre ich wahrscheinlich gerade auf den Azoren. Denn die Alternative zu diesem Rennen wäre eine Überführung nach Quebec gewesen, um dann im Juli am Quebec St Malo-Rennen teilzunehmen, was wir in jedem Fall vorhaben. Die Azoren im Mai sind wunderbar. Ich habe 2003 eine große Swan aus der Karibik überführt und die Chance gehabt die Azoren zu erkunden. Es ist im Mai dort wie ein großer botanischer Garten. Alles voller Hortensien, kurze Regenschauer, sehr mild und der grünste Ort auf Erden.

Warum schreibe ich diese Zeilen? Vorhin hatte ich einen Anruf von meinem Stiefvater Steffen aus Köln. Er klang etwas besorgt um mich, weil ich in dem ersten Video so müde aussehe und ließ durchscheinen, das er es für am schlausten hielte, wenn ich jeden Moment, den ich nicht zum segeln und navigieren benötigte, ausnutze, um zu schlafen, so wie Soldini es im Interview von gestern beschrieben hätte.

Ich habe mir das gleich zu Herzen genommen und mich hingehauen. Doch meine Hand krampft sich bei den härtesten Aufschlägen in den Wellen um das Leesegel, das mich in der Koje hält. Mein guter Gleichgewichtssinn ortet die Schiffsbewegungen, das Schlackern des Mastes nach einem Aufprall, das Wabbern der Kielfinne.

Vor meinem Minitransat im Jahr 2001 hatte ich viel autogenes Training geübt, um besser schlafen zu können. Doch selbst damit kann ich hier gerade keinen Powernap hinbekommen. Zu ungewohnt sind die Geräusche, zu kurz kenne ich erst das Schiff, zu wenig kann ich die Lage einschätzen. Die Kräfte sind ja schließlich sehr dynamisch und schwer kalkulierbar.

Nun gut Thema bei Seite. So schlimm ist es nun auch wieder nicht. Ich gehe an Deck steuere, um mehr Gefühl zu bekommen, lege das erste Reff ein bei 20 Knoten und trimme etwas. Beim Steuern huscht sogar ein Lächeln über mein Gesicht. Es macht Spaß, das Schiff fährt toll. Die See ist rau wie in der Nordsee. Ich denke es wird besser, wenn der Wind morgen stärker wird. Hoffentlich etwas längere Dünung. Diese Buckelpisten-Windsee ist suboptimal.

Ich schreibe hier auch deshalb, weil ich mich damit für einen Moment in eine Beobachterposition versetze, Abstand nehme. Ich höre dabei Norah Jones, so wie schon seit Jahren immer bei ruppigem Wetter. Und ich empfinde keinen Schmerz mehr bei den Schlägen des Schiffes im Seegang.

Sieht alles perfekt aus, die Segel stehen gut, Gefühl auf dem Ruder ist gut, alles Material innen nach Luv gestaut, also was kann ich noch machen um die zwei Zehntel Knoten auf Thierry aufzubauen? Ich mache mir eigentlich keine Sorgen deshalb. Er bleibt ein schlagbarer Gegner, selbst wenn er am Ice Gate einige Meilen vor mir liegt.

Noch ein aufregendes Erlebnis: Beim Setzten der Kutterfock heute Vormittag hat sich eine Leine, die an ihrem Achterliek fest ist an den Wanten verheddert. Ich sah mich schon in den Mast klettern, denn bliebe sie fest, würde ich das Segel nicht mehr runter bekommen. Doch ich habe eine Wurfleine genommen, das Wouling erwischt und es mit aller Kraft gerade soweit runter ziehen können, dass ich es entwirren konnte.

Wenn ich nur wüsste, was mich die nächsten 1109 Meilen noch erwartet!

Der Ankunftstag ist im Moment für den 29. Mai prognostiziert. Soldini hat heute im im Telefoninterview die Flotte vor der 2. Hälfte gewarnt, sie sei viel schwerer. Ja, er muss es wissen mit seinen fünf The Transats. Jetzt müssen wir zu dem Ice Gate nach Süden kreuzen, dem wärmsten Ice Gate aller Zeiten.

Immer öfter denke ich an Boston, wie es dort wohl wird. Ich möchte mir etwas Zeit nehmen, um die Konkurrenten besser kennen zu lernen. Das Ziel kommt mir noch eine Ewigkeit hin vor, dabei sind es nur 7-10 Tage. Wichtige Tage in meinem Leben.

Liebe Grüße und danke für euer Intereasse an dem Rennen, den Berichten und unserer Website! Ich werde morgen doch noch mal versuchen, Videoaufnahmen zu machen und zu schicken, denn das werden bestimmt haarsträubende Bilder. Schon jetzt bei 20 Knoten ist der Blick aus dem Niedergang atemberaubend: Wasserkaskaden, die durch das Cockpit stürzen und graue Wellen mit weißer Gischt oben drauf.

Wie hat eigentlich Werder gespielt?

Boris

 

Comments

7 Responses to “Logbuch Tag 12, 22. Mai - Ein extrem enger Fight”

  1. Heyo on Mai 22nd, 2008 21:03

    Hallo Boris,

    ich wünsche dir für die Nacht viel Glück und hoffentlich nicht zu viel Wind! Aber auch schon jetzt meinen Respekt für deine super Leistung.

    Mast und Schotbruch!

    Heyo

  2. Dunja Pietrasch on Mai 22nd, 2008 22:45

    hey lieber boris!

    so eine frage muss ja gleich beantwortet werden ; )))) - werder ist vizemeister geworden, sprich die championsleague ist gesichert (0:1 in Leverkusen, hiphiphurra!!). grüß mir die delfine, auch wenn sie selten springen!!!

    lg,
    dunja

  3. AL on Mai 22nd, 2008 22:55

    hi boris,
    verfolge dein rennen von anfang an. klasse bisher !! ich glaube das mit deiner taktik noch einiges geht. aus den 505 er weißt du ja ein rennen geht bis zum Ende. und bei wenig Wind können alle. ich glaube das kommende wird sehr hart , aber für einen kämpfer wie dich gemacht.
    … tips kann ich nicht geben ausser … wer aufgibt verliert sowieso.. also von mir mast und schotbruch , keine wale oder container und dann klappt das schon !

  4. Kristin und Charly on Mai 23rd, 2008 00:16

    Hi Boris,
    viele Grüße und gutes Durchhalten auch aus Australien (z.Z. Hamburg), da ist der Fluss in Wagga Wagga nichts dagegen…alles Gute für den Rest des Trips
    Kristin und Charly

  5. Micha (GER 8550) on Mai 23rd, 2008 11:37

    Ich wünsche dir viel Erfolg beim Verteidigen deines jetzigen 2. Platzes und vorteilhafte Winde für dich. Mach weiter so.
    Werde mich heute noch aufmachen zum CULIX-Cup.
    Freue mich auf ein Rennen irgentwann gegen dich, vielleicht bin ich mit Martha dann weiter vorne.
    Grüße und viel Erfolg
    Micha
    GER 8550

  6. Aloys von Hammel on Mai 23rd, 2008 19:05

    Lieber Boris, in der neuen Yacht (12/2008) ein großer und beeindruckender Bericht von Dir mit der Überschrift “Ein Wille, ein Weg” - und ganz tollen Fotos.
    Daraus ein Zitat: “…dass Hermann ein Typ ist, dem man den Erfolg gönnt. Einer, der hart arbeitet. Einer, dem man bedenkenlos Geld leiht. Ihm fehlt nicht viel zum Offshore-Helden, wie es Soldini ist.”
    Mach’ so weiter! Ich denke an Dich und drücke Dir jeden Tag die Daumen.
    Mat und Schotbruch! von Aloys

  7. Ulla on Mai 23rd, 2008 23:32

    Hallo Boris, das ist ja spannend wie ein Krimi! Ich hoffe Du kommst zwischendurch auch mal zum Schlafen und Essen. Ich drück Dir ganz doll die Daumen für die restliche Zeit und grüße Dich auch von Moritz, der von Danzig aus versucht Dich zu erreichen. Ganz liebe Grüße von ULLA

Got something to say?