Logbuch Tag 14, 24. Mai - Golfstrom, Wind und Gegner

Mai 25, 2008 · Print This Article

Am Vormittag schreibt Boris von Bord:

Ich raufe mir die Haare. Habe mir die Fingernägel geschnitten, um nicht der Versuchung zu unterliegen, sie abzunagen ;-).

Heute Morgen noch dicht zusammen, trennen sich jetzt unsere Wege, Thierrys führt ihn mehr nach Süden (seit Tagen fighten Thierry auf “Mistral Loisirs” und ich um Platz 2). Er ist vom direkten Weg 15 Grad nach Süden abgewichen. Unser Weg führt nördlicher, wir sind 15 Grad nach Norden abgebogen. Also liegen unsere Kurse 30 Grad auseinander. Bei dem Speed von ca. 8 Knoten sind wir dann in 12 Stunden ca. 55 Meilen in Nord-Südrichtung weiter voneinander entfernt, sprich unterschiedliches Wetter, unterschiedlicher Strom.

Warum machen wir das? Ich könnte ihn ja auch direkt verfolgen und versuchen mit Speed zu schlagen. Ich denke aber, das Rennen ist noch zu lang für ein reines Matchrace. Außerdem habe ich zwei Gründe, die Nordroute zu bevorzugen.

Erstens hoffe ich so, weniger dem entgegenlaufenden Golfstrom ausgesetzt zu sein. Ich habe die Karte http://rads.tudelft.nl/gulfstream/ noch einmal studiert und mir den Punkt 43 N und 57 W als Idealwegepunkt ausgekuckt, um dem Strom aus dem Wege zu gehen. D.h. nicht, dass wir jetzt Kurs auf diesen Punkt nehmen, ich denke nur, je näher wir daran kommen, desto besser hinsichtlich des Golfstroms. Zweitens gibt es ein kleines Tief, das wir auf dieser Route nördlich umfahren, also mit Rückenwind. Da fangen die Probleme allerdings an: Im GFS-Modell (amerikanisches „Global Forecast System“)verhält sich dieses Tief anders. Das Tief ist sehr flach und es wird vor Flaute im Gebiet des Tiefs gewarnt.

Aus diesem Grund fahre ich eine gemäßigte Route, ziemlich entlang der Layline und weitgehend entsprechend dem aktuellen ECMWF-Routing (European Centre for Medium-Range Weather Forecasts). ECMWF hab ich das ganze Rennen über schon mehr vertraut als GFS. Dieser Weg wird uns gerade im Norden um das Tief führen, etwas weniger dem Golfstrom ausgesetzt als Thierry. Da wir gerade einen kleinen Rechtsdreher haben, geht der Code 5, eine große Rollgenua am Bugspriet jetzt runter Deck, die normale Genua kommt raus und ich luve an.

 Dennoch weichen unsere Routen dann voneinander ab. Ich denke Thierry baut mehr auf GFS und den starken SW-Strom, der dann bald einsetzen soll. Je weiter südlich man dann steht, desto besser. Es ist halt eine schwere Abwägung, Golfstrom und Wind und Gegner. Hauptsache wir geraten nicht in eine richtige Flaute. Also los, an die Arbeit.

 

Am Abend schreibt Boris weiter:

Uff jetzt ging mir aber die Pumpe. Hatte ich heute Vormittag gerade in aller Eile die Tagebuchnotiz geschickt und mich etwas über das Wetter ausgelassen, da kommt dieser krasse Rechtsdreher. Nachdem ich die Mail abgeschickt hatte, den großen Code 5 eingepackt, um höher an den Wind gehen zu können, da schlief der Wind ein, runter auf 6 Knoten. In dem alten Schwell bedeutet das schon fast schlagende Segel.

Ich kriege einen großen Schreck. Habe ja auch gerade erst das Abend-ECMWF-Wetter bekommen. Schaue noch mal genau hin. Nein, ich hab mich nicht verguckt, diese Flaute ist da nicht zu sehen. Also keine totale Blindheit. Ich steuere eine Stunde, um so schnell es geht aus diesem Schlamassel wieder rauszukommen. Es ist absurd, der Wind so schwach und das Boot kippt über die Wellen, rumst runter hinter einer Welle. Dennoch bleibe ich recht ruhig und zuversichtlich, dass gleich wieder Wind kommt und genieße das Steuern für einen Moment. Es ist doch das eigentliche Segeln, nicht die 3-4 Stunden, die ich heute vor dem Rechner saß, oder noch länger vielleicht. 

Meine Zuversicht wird bestätigt. Langsamt baut sich die Brise wieder auf und dreht rück. Vielleicht bin ich einfach an eine unsichtbare Grenze gefahren und gerade noch so wieder davon gekommen. Ein Glück, dass ich nicht geschlafen habe.

Jetzt ist die Welt wieder in Ordnung auf der Beluga Racer. 7,6 Knoten Wind reichen völlig aus, bei der großen Segelfläche. In dieser Windrange können wir sogar schneller als der Wind segeln. 8 Knoten Speed durchs Wasser in die richtige Richtung, knapper halber Knoten Gegenstrom.

Ich gehe unter Deck und verdrücke eine Tafel Schokolade. Die letzte und eine von zweien, die ich mit hatte. Dazu fällt mir ein, dass ich doch mal so ein Musik-Album hatte, was etwas mit Schokolade zu tun hat « Death by Chocolate ». Tatsächlich im Ipod unter „D“ findet es sich. Locker flockig etwas schlemmen, während ich diese Zeilen tippe und mich freue.

Segelfreund Andreas erzählt mir, dass er Thierry vom F 18-Segeln kenne. Na immerhin mal eine Information über diesen mir völlig unbekannten Gegner.

Bis morgen - Boris

Comments

13 Responses to “Logbuch Tag 14, 24. Mai - Golfstrom, Wind und Gegner”

  1. heyo on Mai 25th, 2008 12:40

    Hallo Boris,

    ok. so wie es aussieht, hast du mit deinen Taktik dem guten Thierry gute 11 sm in wenigen Stunden abgenommen. WEITER SO! Ich bin gespannt auf den den nächsten Report.
    Heyo

  2. Krümel Steinbrecher on Mai 25th, 2008 13:11

    Hallo Boris,
    wir drücken dir die Daumen und sind ständig bei dir.
    Krümel, Hilke, Fiene und Herci

  3. Werner Härtel aus Oldenburg on Mai 25th, 2008 13:14

    Liebe Grüße von deinem Großvater aus Oldenburg. Er drückt dir ganz doll die Daumen und wird sich jetzt endlich einen neuen Laptop zulegen. Denn dieses Rennen ist nicht das letzte, das er life miterleben möchte.
    Alles Liebe auch von Heide und Steffen und von Fanny

  4. jörg on Mai 25th, 2008 15:23

    hi boris,
    kommen gerade vom sport - welch positver schreck - du an erster stelle, der spitzenreiter fehlt. hoffentlich nichts passiert!
    dir weiterhin gute fahrt. unterschätze die ALTEN (see)-bären nicht:-)! - thierry -
    lieber gruß und guten wind
    jörg, maria und ihr sohn josch

  5. Christoph on Mai 25th, 2008 15:30

    Schaue auf http://theartemistransat.geovoile.com/ und sehe, dass Telecom Italia als NL auf dem letzten Platz geführt wird. Was ist da passiert, niergendwo Infos im Netz. Aber damit bist du momentan auf Platz 1!

  6. Claudia on Mai 25th, 2008 15:31

    Lieber Borris,

    Michael liest gerade mit seiner Seemannsstimme wieder Deine Berichte vor und erzählt von Dir und vom Segeln und vom Meer. Ich liege auf dem Sofa und höre mir alles an. In Gedanken sind wir für diese Momente mit an Bord und es schwankt ein wenig unter den Füßen und es riecht nach Salz. Ich bin begeistert und beeindruckt und voller Respekt vor Deinem Törn und ich freue mich über Deine Leidenschaft! Ganz liebe Grüße für Dich !!!

    Claudia

  7. philipp on Mai 25th, 2008 15:40

    hey boris,
    ick fieber ooch schon mit. is ja echt spannend. wünsch dir durchhaltevermögen und den richtigen riecher.
    beste grüße aus berlin schickt dir
    philipp

  8. Aloys von Hammel on Mai 25th, 2008 17:05

    Lieber Boris, ich sitze wieder vor dem Computer und folge Dir auf den Atlantik. Toll, wie Du Dich nach vorne kämpfst. Ich drücke Dir weiterhin die Daumen und wünsche, dass Du nach dem Aufräumen wieder Platz zum Schlafen hast. Liebe Grüße und richtigen Wind von Aloys

  9. Ulla on Mai 25th, 2008 18:00

    Hallo lieber Boris, na, im letzten Bericht kommt ja wieder richtig Schwung von Dir durch! Gestern am Telefon hörtest Du Dich so schrecklich erschöpft an. Ich wünsch Dir alles Gute für die nächsten Meilen und grüße Dich von Anna, Arne, Nora, Stefan und Luzi, die gerade zum Essen kommen. Ganz liebe Grüße von ULLA

  10. Aloys von Hammel on Mai 25th, 2008 18:12

    Hallo Boris,
    ich habe soeben die Sonntagnachmittag-Sportreportage im ZDF gesehen. Darin wurden drei kurze Spots von Dir gezeigt (Deine Videos von Bord). Also: Boris auf allen Kanälen! Toll!
    Ich zittere mir Dir, wenn ich Deine Berichte lese - und hoffe und wünsche, dass Deine Taktik aufgeht.
    Liebe Grüße von Aloys

  11. Wendy Brown on Mai 25th, 2008 19:08

    Hello Boris!
    Congratulations. It is impressive and inspiring to follow your fight across the Atlantic. You are restoring pride in and hope for Germany’s offshore sailors. Keep it up and there’s a champagne dinner waiting for you at the Class 40 Headquarters in Hamburg.
    Loud Cheers from Wendy and M

  12. Theodor Yemenis on Mai 25th, 2008 19:38

    Hi Boris,

    ich drücke dir ganz fest die Daumen und mögen Dir Poseidon und Aeolus günstige Winde und Stömungen für deine Fahrt schicken.

    ich bin wieder für ein paar Tage im Lande. Bald geht die Seefahrt weiter gen Süden.

    liebe Grüße
    Theodor

  13. Marvin Kewe on Mai 25th, 2008 22:11

    GO Boris!!!!!

    Ich drück Dir die Daumen für den Endspurt!

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