Logbuch Tag 15, 25.Mai - Adrenalin pur

Mai 26, 2008 · Print This Article

Boris berichtet von Bord:

Wir haben so ein „Schweineglück“, der Plan geht auf. Ich bin voller Adrenalin. Mistral Loisir kippt weg auf Steuerbordbug und bleibt stehen, 2,9 Knoten. Wir haben gerade die Nordseite eines kleinen Tiefs erwischt und es verhält sich anders als vorhergesagt. Wir haben 15 Knoten Wind von hinten und fahren 11 Knoten. Unter großem Spi, den ich im Stockdunkeln gesetzt habe. So ein Glück, dass eines der Spi-Fallen oben klar und nicht vertörnt war, denn sonst keine Chance das im Dunkeln zu sehen.

Der verbleibende Abstand zu Mistral Loisirs von 5 Meilen sollte so in einer Stunde aufgeholt sein. Wahnsinnig kleinräumige Wettersituation. Er steht 30 Meilen im Süden und hat den Wind aus 180 Grad entgegen gesetzter Richtung und viel schwächer. Hauptsasche jetzt nicht wieder in den Kern des Tiefs rein fahren. Aber da wir auf Backbordbug spitz „reachen“, dürfte das eigentlich nicht passieren.

Im Laufe des Tages sollte uns der Wind auf die Nase drehen und zunehmen, so dass wir dann 20 Stunden am Wind segeln, dann wenden und dann mit SW-Wind am Wind ins Ziel fahren.

Voraus am Horizont liegt eine schwarze Wand. Ich hoffe da steckt keine unangenehme Überraschung drin. Leider hab ich kein Satellitenbild. Ich wüsste gerne genauer, wo das Tief liegt. Weder GFS noch ECMWF (dies sind unterschiedliche Wetterprognosen-Modelle) sagen diesen Wind, den wir hier haben, voraus. Spannend!

Heute ist ein besonderer Tag für mich. Erst kam ein Vogel zu Besuch ins Schiff, dann drehte der Wind so, dass ich ganz schnell aufholen und einen Platz vorrücken konnte. Das Schiff gleitet schnell und kraftvoll über den glatten Ozean. Wir bewegen uns an der Grenze zwischen Golf- und Labradorstrom, der Geruch und die Temperatur des Meeres ändern sich, auch die Wolken über den verschiedenen Wassermassen.

Man kann Amerika schon spüren, Seevögel mit langen Flügeln schweben in den langgezogenen Wellentälern entlang. Ich habe nach den anstrengenden vergangenen Tagen gut gegessen, das erste mal seit dem Start nicht Gefriergetrocknetes, sondern Pasta, mich ausgeruht und das Schiff, das ja jetzt mein Zuhause ist, aufgeräumt, das Wasser aus den Ecken geschöpft und einige Kleinigkeiten repariert - wir sind bereit für den finalen Angriff.

Ein Schwarm Delphine kommt und vollbringt die übliche Akrobatik am Bug. Da das Schiff viel Lage schiebt, berührt die Unterseite des Spinnakers das Wasser und schleift über die See, wenn sich das Schiff in der Dünung überneigt. Ein Delphin hat den Spi beim Springen berührt, ich hatte Angst, dass sie ihn vielleicht kaputt reißen oder beißen. Aber sie sind ja nicht dumm.

Es ist ein emotionaler Tag. Alles läuft perfekt. Ideale Welle. Perfekter Wind, jetzt etwas später am Abend, surfen wir die kleine Windsee mit 13-14 Knoten hinab unter Code 5, maximal angespitzt - schießen gelegentlich in die Sonne(d.h. das Schiff läuft unkontrolliert wegen Überdruck aus dem Ruder), ich steuere viel. Aber das macht unglaublich Spaß. Hat man die Welle unter dem Heck, ruckt man zweimal wild an der Pinne und das Schiff surft sie hinab. Alles noch ungefährlich und stressfrei. Der Himmel ist weit und hoch, das Licht silbrig, das Meer ganz in Silbern, blitzend im Gegenlicht. Die Sonne scheint in der Ferne unter den Wolken aufs Meer, man kann sie selbst nicht sehen.

Es ist so ein triumphales Gefühl, Boden gut zu machen, Meilen zu gewinnen und nun auf dem zweiten Platz zu stehen. Es kann noch viel passieren auf den 600 Meilen bis ins Ziel, doch genau so soll es sein, bis zum Ende spannend.

Die Flotte rutscht wieder enger zusammen, nun kommen auch andere Konkurrenten, wie Alex Bennett wieder auf die Spielfläche. Es wird ein Amwind-Finish mit großen Drehern. Nach der momentanen Vorhersage könnte besonders der letzte Tag extrem spannend werden. Kommt dieses kleine Tief dann noch, auf dessen Rücken wir dann wieder nach Süden rutschen könnten, oder müssen wir kreuzen?

Ankunft 28.Mai mittags nach bisherigem Routing. Am 28.5. findet die Siegerehrung der Open 60 statt, am 5.Juni um 16 Uhr unsere Price Giving Ceremony im Corinthian Yacht Club in Marblehead.

Am 8. Juni starten wir schon zum nächsten Abenteuer, dem Marblehead Halifax Rennen. Mit an Bord Jan Saugmann aus Kopenhagen (Spitznahme von Jan und Vorschoter Morten ist “super Danes” - die beiden sind amtierende 505er Weltmeister), Arno Kronenberg aus München und Brian Hancock (Around Alone-Teilnehmer). Er wohnt in Marblehead.

Liebe Grüße,

Boris (300 SM südlich von Neufundland)

Comments

13 Responses to “Logbuch Tag 15, 25.Mai - Adrenalin pur”

  1. Lars Dehne on Mai 26th, 2008 01:04

    Hallo Boris,

    wünsche Dir ganz viel Glück für das bevorstehende “Match-Race” bis ins Ziel. Ich verfolge - so weit es geht - alle zwei Stunden Dein spannendes Rennen und lese natürlich auch Deine Berichte von Bord!

    Goode Wind!
    Lars

  2. Dunja Pietrasch on Mai 26th, 2008 08:49

    hey boris!!!! ich hab´s doch gewußt, so genial!!!!!! weiter, immer weiter so!! doll liebe grüße von allen hier!

    dunja

  3. Martin Seegers on Mai 26th, 2008 09:12

    Hallo Boris,
    weiter so mit Geschick und “Schweineglück”! Jetzt noch ‘ne Schippe d’rauf, und Du bist in Schlagweite. Pass gerade jetzt gut auf Dich auf. Ich drücke weiter die Daumen für Deine Wachsamkeit und günstigen Wind.
    Herzl. Grüße aus Hannover
    Martin Seegers

  4. AL on Mai 26th, 2008 09:32

    moin,
    wie schon erwähnt ein rennen geht bis zum schluss. Tolle Leistung , die 55sm in 2 Tagen aufzuholen. Es gibt eben auch das Glück des “Tüchtigen”. Da geht noch was .Bleib weiter so konzentriert.

    AL

  5. Aloys von Hammel on Mai 26th, 2008 10:59

    Hallo Boris,
    ich habe heute morgen erst einmal Deinen enthusiastischen Bericht von Bord gelesen. Weiter so, aber nicht überpacen. Du kriegst auch eine dicke Tafel Schokolade von mir, wenn Du so weiter machst.
    Liebe Grüße von Aloys

  6. Krümel Steinbrecher on Mai 26th, 2008 11:47

    Hallo Boris,
    vielen Dank für deine e-mail. Wir sind alle begeistert, selbst Herci drückt dir dir Pfoten. Hab übrigens jederzeit ein kühles Jever für dich.

  7. Steffen on Mai 26th, 2008 17:01

    Hallo Boris,
    super Schachzug! Das Glück ist der Lohn der Tüchtigen (was nicht heißen muss, dass die, die Pech haben, nicht auch tüchtig wären …). Aber in Deinem Fall stimmt der Satz wenigstens mal ohne Einschränkungen.
    Herzliche Grüße
    Steffen

  8. Ulla on Mai 26th, 2008 17:46

    Hallo lieber Boris, das hast Du toll geschafft! Jetzt steht dem Geburtstag an Land ja nichts mehr im Weg. Moritz kämpft bei Danzig mit den Tücken des Internet-wahrscheinlich erreicht er Dich nicht.
    Ich drück Dir die Daumen für die nächsten Meilen!
    Liebe Grüße von ULLA

  9. Jessica Neumann on Mai 26th, 2008 20:26

    Hi Boris. Das wird ja immer spannender auf den letzten Metern! Echt Wahnsinn, wie Du den Thierry überholt hast. Wenn Du so weiter machst ist der Soldini auch nur noch ein Katzenspiel ;-) Drücke Dir weiter die Daumen für den Endspurt und natürlich auch dafür, dass Du Deinen Geburtstag an Land feiern kannst! Liebe Grüße Jessica aus Oldenburg

  10. Jürgen NGO on Mai 26th, 2008 22:00

    Hallo Boris, wir wuenschen dir weiterhin viel power und den nötigen Erfolg. Auf das deine Geburtstagsfeier nach einer geglueckten Ankunft unvergesslich werde! Wir druecken dir die Daumen! Herzliche Gruesse

    Juergen NGO und Petra

  11. JH on Mai 26th, 2008 22:51

    Moin Boris, ganz Segel-Deutschland fibert mit !

    Ich beobachte still und leise seit 2 Wochen (sicher auch viele andere auch!) deine Regattateilnahme und möchte mich jetzt auch gerne einmal zu Wort melden:
    Schon jetzt ist es einfach ein ganz tolles Ding, das Du da grade hinlegst! Egal wie es ausgeht: Deine Teilnahme kann denke ich einen ganz großen Schub für das deutsche Offshore-Segeln bringen.
    Für die letzten Meilen wünsche ich dir weiterhin viel Erfolg.
    Herzliche Grüße aus dem Kieler Umland!

  12. Karl on Mai 27th, 2008 00:20

    Wer Regatten segelt muss damit rechen dass er gewinnt

  13. Frank Kueppers on Mai 27th, 2008 04:17

    Und die Segelnation Neuseeland fiebert auch mit Dir! Wir druecken Dir die Daumen von Down-Under, wenn die anderen da oben schalfen und nicht druecken koennen.
    Gruss aus Christchurch NZ,
    Frank

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