Logbuch Tag 3, 13. Mai - Auf der Südroute

Mai 13, 2008 

Boris schreibt von Bord:

Morgens ist es sehr nebelig. Und ich hab noch keine richtigen Seebeine, auch noch nicht länger als 5 Min geschlafen seit Abreise, das steht jetzt als erstes auf meinem Wunschzettel.

Der Nebel lichtet sich etwas. Wann kann ich endlich Mistral Loisier sehen? Er ist so 2-3 Meilen backbord voraus. Ob er den großen Spi oben hat?

Ich brauche eine anstrengende Stunde zum Spisetzen und fühle mich sehr erschöpft. Das Boot beschleunigt auf 10 Knoten, aber dies 20 Grad tiefer, genau auf Layline. Es summt und brummt im Boot und das Wasser gurgelt wie verrückt. Auch eine Gewöhnungssache. Alles geht erst los. Vor mir liegen 2 oder 3 Wochen.

Nächster größerer Arbeitsbereich wird meine Kommunikationslogistik. Also wann mache ich genau was. Ich werde versuchen einen Tagesverlauf um die Wetterupdates morgens und abends um 6 aufzubauen. So könnte das ja ein richtig geordnetes Leben abgeben. Muss ich nur noch Schlafen und Essen einbauen.

Jetzt ist es 14:30 und mit dem mir noch bleibenden Gas koche ich mir mal was Feines. Echt blöd, dass die Reserveflasche leer ist. Vielleicht kann ich mit der Maschine auch Wasser erhitzen, ich darf aber auf keinen Fall die Maschine außer Gefecht setzen. Hmm ich nehme das nicht auf die leichte Schulter, aber da ich ja eh nicht umdrehen will und auch keinen Stopp in Island oder Irland einlegen wollte kann das Problem einfach noch warten. Vielleicht hab ich ja auch unverschämtes Glück und das Gas reicht.

Alleine hier raus ist vielleicht so eine Eiger Nordwand und das Vendee Globe wäre dann der Everest, wenn man es auf das Bergsteigen überträgt. Wie wohl Joshua Slocum vor 100 Jahren auf die Idee gekommen ist, alleine um die Welt zu segeln und diese Geschichte ins Rollen zu bringen? So, nun mal wieder an die Arbeit. Cockpit aufräumen und Essen und versuchen zu schlafen.

Gerade neuer Position Report. Ich bin zurückgefallen. Habe zu lange gezögert mit dem Spi und die Boote weiter im Süden haben laut GRIP auch einen Knoten mehr Wind. Alle 2 Stunden von morgens um 6 an kommen diese Reports.

Mist immer Überraschungen. Wasser hinten im Schiff. Habe Sorgen, dass es über eines der Ruderlager reinkommt. Ich hatte es im Hafen extra kontrolliert. Also wieder so eine von diesen kleinen Sorgen. Beobachten und damit klarkommen.

Nun ist es abends. Weiß, wo das Wasser herkommt: Wir haben beim Anbauen des Ersatzautopiloten den Auspuff angebohrt. Ich habe es mit Epoxy geklebt und bislang hält es dicht.

Wind frischt zwischenzeitlich auf 20-21 Kn auf - das ist jetzt schon etwas aufregend mit dem großen Spi. Vor Dunkelheit will ich noch mein Bergemanöver üben.

Hatte wohl als einziger den Spi unten in der Nacht, jedenfalls auf vorletzten Platz zurückgefallen. Miranda („40 Degrees“) ist mit mir im Süden alle anderen im Norden.

Ich mich entschieden den Kurs erst mal einzuhalten und weiter vom Feld wegzusteuern, denn das Routing erscheint mir sinnvoll und evtl. zahlt es sich morgen aus, wenn wir spitzer fahren können. Leider habe ich keinen Spibaum, aber jetzt nicht lamentieren.

Durch Zufall sehe ich Miranda « vorne durchgehen », auf Backbord-Bug unter Spi fährt Sie wieder nach Norden.

Spannend, mal sehen wie es sich ausgeht mit Soldini ganz im Norden - klar geht er vorne durch, aber mal sehen, ob ich noch wieder etwas rankommen und mich im Klassement verbessern kann.

Ich sehe, dass über dem Dunst anscheinend die Luft sehr viel schneller strömt. Da bräuchte ich so ein Skysail von Beluga.

Kurzzeitig schauen ein paar Sonnenstrahlen durch. Das Meer ist wieder ruhiger als gestern. Gestern hatte sich so eine etwas kurze Kabbelwelle über die alte diffuse Dünung gelegt, die wir ja immer noch haben. Die anderen im Norden haben zwar noch mehr Wind, aber was den Dreher angeht, denke ich sind wir am besten positioniert. Also im Moment gefällt mir dieser Schlag gut und ich bin gespannt auf das nächste Reporting.

Comments

7 Responses to “Logbuch Tag 3, 13. Mai - Auf der Südroute”
  1. Heide + Steffen sagt:

    Hallo Bori!
    Sollen wir einen Flieger chartern und Dir eine Gasflasche am Fallschirm abwerfen?
    Wir sitzen Tag und Nacht am Bildschirm und kommen weder zum Arbeiten noch zum Schlafen. Können wir sonst noch irgendwas für Dich tun? Aus Solidarität essen wir nur noch kalte Sachen. Aber den 5-Minuten-Schlaf bekommen wir noch nicht hin.
    Bis bald!
    Deine Heide + Dein Steffen

  2. Dirk sagt:

    Mutiger Schlag nach Süden zahlt sich aus - Fahr weiter Dein eigenes Rennen!

  3. Hallo Boris,

    super taktik für den Anfang! Ich denke in 24 Std. liegst du vorne. Weiterhin viel Glück mit dem Wetter und hoffentlich reicht das Gas.

    Heyo

  4. conny sagt:

    Hi Boris,
    super Aufholjagd….Soldini “zittert” schon, aber beim Kampf um den Sieg gibt es keine Freunde.
    Gasproblem: immer Deckel auf die Töpfe, das spart Energie.
    Dieselkocher: problematisch zu bauen, man braucht eine Art Vergaser, Düse und Spiritus…! Mit einem Spiegelkegel und Sonne gehts auch… haste aber nicht zufällig dabei ??
    Wer hat eine Macgiver-Idee für Boris ????

    conny

  5. Claus Claussen sagt:

    Hallo Boris,
    heute grosser Artikel in der NWZ. Mach weiter so und bringe schöne Fotos und Filmmaterial mit ;=).
    Claus aus Oldenburg

  6. Jessica Neumann sagt:

    Hi Boris,
    habe gerade den Artikel in der NWZ gelesen. Ganz schön beeindruckend! Drücke Dir alle Daumen… mach weiter so :-)

    Lg Jessica

  7. Hallo Boris,
    Klasse, was Du machst. Nach dem heutigen Bericht in der NWZ verfolge ich jetzt jeden Tag Deine Fahrt und wünsche Dir viel Erfolg - und allzeit eine Handbreit Wasser unterm Kiel.
    LG Aloys