Logbuch Tag 8, 18. Mai - Eine lange Kreuz nach Boston
Mai 18, 2008
Zuhause ist Sommer - hier ist es mühselig. Wind genau von vorne, das ist beim Segeln nie eine gute Idee. Gerade hab ich eine Wende vollendet und bin erfreut. Mein VMC (Geschwindigkeit, mit der man in Richtung Wegpunkt fährt; kleiner als tatsächliche Geschwindigkeit, wenn man kreuzt) steigt von 3 auf 5 Knoten. Doch da dreht es schon wieder zurück. Man darf sich nicht verrückt machen. Man kann nicht wie mit einer Jolle bei jedem Dreher wenden. Allein die 150 Kg Material, die man jedes Mal umschleppen muss.
Ich bin ziemlich erschöpft. Nachts waren Stagfock und 2. Reff angesagt bei bis zu 22 Knoten Wind. Als heute Morgen der Position Blackout zu Ende war und nach 36h endlich wieder das Ranking mitgeteilt wurde, lag ich weiterhin auf Platz 2. Natürlich klasse, aber die anderen sind mir auf die Pelle gerückt, da war ich schon überrascht. Habe dann ein Problem mit dem Großfall festgestellt. Im Fallstopper fängt der Mantel an einzureißen. Das Fall ist neu. Ich habe einen Block angelascht, der das Fall so führt, dass es den Stoppereingang nicht mehr berührt und die Last auf der Winsch gehalten wird.
Abends auf Platz 5 zurückgefallen. Aber wie dicht zusammen wir sind! Nur 1-2 Meilen trennen uns in der Wertung. D.h. Gemessen zum Wegepunkt am Ice Gate, der 780 SM entfernt ist, sind das Promille. Wesentlich entscheidender ist unsere Positionierung auf der «Bahn». Im Moment scheinen alle nach Süden zu halten und ohne so richtig zu verstehen warum, tue ich das auch. Ich lasse also davon ab, mein VMC zu maximieren, denn damit habe ich offensichtlich ganz gut verloren.
Mein Speed wird im Tracker so gering angezeigt, aber ich habe tatsächlich 2 Knoten Gegenstrom. Wahnsinn! Mein Speedo steht fast auf 9 Knoten nachdem ich eben noch mal 3 Grad abgefallen bin. Natürlich rumpelt das ziemlich über die Wellen.
Amwind muss man das Boot besser kennen als Raumwind, denke ich, die Winkel, Segelsetups und Trimm. Könnte ich die anderen permanent überwachen oder hätte ich sie sogar in Sichtweite wäre es möglich so lange zu trimmen, bis ich die gleiche Leistung erziele.
So nah dran einige Plätze zurückzufallen ist unerheblich. Ich mache mir etwas sorgen wegen der Nacht. Ich kann nicht sehen, was die anderen tun. Aber ich denke wir bleiben alle bis morgn früh auf diesem Kurs, was mir auch erlaubt etwas ruhiger zu werden, und Kräfte zu sparen.
Es ist angenehm mild, heute Mittag hatten wir sogar etwas Sonne und ich habe unter dem Schutzdach im Cockpit gesessen und zum Abschalten kurz gelesen.
Wann wir wohl in Boston ankommen? Bisher haben wir im Schnitt nur 150 SM am Tag geschafft. Das würde bedeuten wir kämen ungefähr am 30. Mai an. Aber ich will natürlich versuchen Gas zu geben und meinen Geburtstag am 28. Mai schon an Land zu feiern.
Ich habe heute ein kurzes Video aufgenommen, aber bei dem Gerappel ist mir überhaupt nicht danach diese diffizile Technik mit dem Upload zu starten. Ich muss mich zwischendurch immer festhalten, um nicht vornüber auf den Kartentisch geschubst zu werden und die Tasten zu treffen ist eine echte Herausforderung.
Auch das Schlafen ist nicht so einfach, wenn man mit diesen Schiffen kreuzt. Liege ich in der Rohrkoje mit den Füßen nach vorne, wird mein Körper in jeder Welle so zusammengestaucht, dass ich die Beine anspannen muss um, nicht irgendwann mit angewinkelten Beinen vor dem Kojenende zu hängen. Ich habe jetzt eine neue Schlafposition in Luv auf meinem Material, das dort hinter n den Leesegeln hängt, gefunden. Ich lasse mich gegen das Leesegel rollen und bin dort besser verkeilt und rutsche nicht hin und her. Das hatte ich gestern zufällig im Eric Tabarly-Buch über dieses Rennen gelesen, das ich als Talisman mitgenommen habe: «Einhand zum Sieg».
Ich freue mich riesig über die vielen Grüße auf der Website, die Meike mir weiterleitet und die Grüße per SMS auf das Iridium–Telefon. Sie geben mir Kraft und Motivation, die Einsamkeit weiter zu ertragen und auch die Entbehrungen von fast jeglichem Komfort und sogar vernünftigem Essen (meine Schuld – Planungsfehler) zu meistern.
Was mich sehr freut, ist das auch Freunde geschrieben haben, mit denen ich schon seit Ewigkeiten keinen Kontakt mehr hatte: Jessica eine Klassenkameradin aus der 6. Klasse z.B. Viele Grüße zurück auf diesem Wege, und schreib mir mal, was du jetzt machst und wo du wohnst bitte. Wer mir eine Nachricht schicken möchte, kann dies an boris@beluga-racer.com tun und auch die Kommentare, die Ihr auf unsere Website schreibt, werden an mich weitergeleitet.
Liebe Grüße von Bord der blauen Yacht mitten im Nordatlantik
Boris

Hallo Boris,
vom “trockenen Schreibtisch” aus betrachtet ein wirklich spannendes Rennen! Habe schon alle angesteckt mit dem “Boris-Virus”. Warte ständig auf die neuen position reports. Lass Dich nicht unterkriegen und segel “einfach schnell in die richtige Richtung!” - das kannst Du doch besser als alle anderen…
Alles Gute,
Lars.
Lieber Boris, alles gute für den Endspurt des Rennens. Es ist schön zu sehen, das es endlich wieder einen deutschen Offshore Segler gibt, der an solch legendären Rennen teilnimmt. Ich drücke die Daumen für die letzten Seemeilen. Viele Grüsse aus Dänemark, Roland
Moin Boris,
zum einen: ja, dein Projekt bringt Abwechslung und Spannung in meinen Büroalltag, ich könnte mir den Rennverlauf noch viel öfter angucken, als ich es ohnehin schon tue, nur um dann festzustellen, dass noch kein Update vorhanden ist
Mittlerweile verfolgt sogar die Radfahrerfraktion dein Vorhaben, habe mal auf kivelo.de einen Thread dazu gestartet…
Ansonsten: mach dein ding weiter so, die anderen kochen auch bloss mit Wasser…
Grüße vom Schreibtisch,
Cord
Hi Cord und Kivelo-Team - freut mich zu hören, dass ihr das Rennen verfolgt! Das ist toll. Das ich nicht so oft dazu gekommen bin mit euch zu radeln, war natürlich sehr schade, hab das Renneradfahren ja erst angefangen, weil der Bike Orange-Shop um die ecke ist.
Aber was die vorbereitungsprioritäten angeht, könnte ich mich nun auch auf den Armen alleine über das Deck schleppen - wenn ich nur genauer das Wetter und den Golfstrom verstehen und analysieren könnte, würde das den schlappesten Körper wettmachen.
Na ja so ist es im Moment. Die ersten 6 Tage des Rennens hatten wir ja den Wind von hinten und da turnt man auf dem Vordeck rum, um die Spinnaker zu bändigen, da kann etwas Fitness helfen.
Ich bin übrigens der einzige Skipper in der Klasse ohne Auto. Hatte immer das Rennerad an Bord und bin damit in den Häfen viel schneller voangekommen, um Besorgungen und Organisation voanzubringen in der Vorbereitungszeit.
Viele Grüße nach Kiel,
Boris=
Hey Boris, langsam werd ich auch zum Segelfan! Echt starke Sache, die du da machst.
Wir werden heute abend erstmal ein paar Flaschen Sekt auf meine endlich bestandene Prüfung und auf dich köpfen!!
Weiterhin viel Erfolg und gute Fahrt und guten Wind, deine persönlich anerkannte Bostbotin Nina
Hey Boris,
Wir fiebern hier auch ganz doll mit und drücken dir doll die Daumen, dass weiterhin alles gut läuft. Dein Gas wird übrigens reichen, denn das mit dem unverschämten Glück passt irgendwie zu dir…
Also, segele dem Teufel ein Ohr ab.
Es grüßen dich herzlich Wiebke und Jan
Hey Boris!
Jedes Mal, wenn ich von der Arbeit komme geht der erste Weg zum PC!
Echt klasse was du da anstellst! Ich drück dir die Daumen!
Mach weiter so!
Jana
Hallo lieber Boris! Was für spannende Logbuchberichte jeden Tag von Dir! Ich bin jeden Abend sehr neugierig, etwas von Dir zu erfahren. Moritz lässt Dich auch herzlich grüßen, er ist inzwischen hinter Danzig und ich drucke Dein Logbuch für ihn aus, um es dann mitzunehmen.
Ich finde es ganz toll, was Du machst und wünsche Dir viel Glück für den Rest der Fahrt! Leider konnte ich Dich in Frankreich nicht mehr erreichen, um Dir einen Schwung Musik mitzugeben. Zum nächsten Törn dann!
Liebe Grüße von ULLA
lol - nur frauen hier, richtiger fanclub. aber auch von mir, weiterhin viel erfolg!
Hallo Boris,
zufällig bin ich über http://www.spiegel.de auf einen Bericht zu deinem Trip bei dieser Atlantic Regatta gekommen. Coole Sache so als Neuling vorne mithalten zu können. Werde deine Tagesberichte eifrig weiter verfolgen und wünsche viel Glück für den Rest des Rennens. Grüsse aus Spanien von der normalerweise windsurfenden Fraktion,
Andy Abendroth
GER-66
PS: Nicht nur die Biker sind interessiert
hi boris,
tut verdammt gut zu wissen, dass es menschen gibt, die genau das machen, was sie wirklich machen wollen/müssen!! drücke dir stellvertretend für all die anderen sesselfurzer ganz fest und ernst gemeint die daumen!
lg aus berlin,
daniel