Logbuch Tag 9, 19. Mai - Abenteuer Nordatlantik
Mai 20, 2008 · Print This Article
Boris schreibt von Bord:
Liebe Websitebesucherinnen und -besucher. Es ist schön zu wissen, dass daheim Leute schauen, was wir hier draußen machen und wie es uns hier ergeht, dass ihr Kommentare schreibt und Emails schickt (boris@beluga-racer.com).
Wir arbeiten uns hier mitten auf dem Nordatlantik an dem Wetter und dem vorherrschenden Westwind ab. Winddreher, Böen, Regenschauer, dann wieder etwas Sonne. Das entscheidende für uns sind die Winddreher. Dreht es etwas rechts, also auf NW, dann segeln wir auf Backbordbug, sprich die Segel sind auf der Backbordseite(links); dreht der Wind links, nach SW, segeln wir auf Steuerbordbug. Doch nie seit den letzten 2 Tagen konnten wir direkt in die Richtung segeln, in die wir wollen. In meinem GPS habe ich einen Wegepunkt eingegeben, den wir südlich passieren müssen: Das sogenannte Ice Gate. Dieses Gate liegt auf 40 Grad Nord und 50 Grad West (nur 100 Meilen von der Stelle entfernt, wo 1912 zur gleichen Jahreszeit die Titanic sank). Es soll uns davon abhalten, weit nördlich in die gefährliche Treibeisregion zu segeln. Erstaunlicherweise ist diese Ecke auf der gleichen Höhe wie Portugal, dennoch treibt dort Eis herum, und zwar besonders viel im Mai und Juni. Der Golfstrom fließt südlicher nach Europa und diese Region, wenn auch gleich nördlich, ist viel kälter als es bei uns der Fall ist. Noch mal eine eindrucksvolle Veranschaulichung, welche immense Bedeutung der Golfstrom für uns in Europa hat.
Also dieses Ice Gate ist der Punkt zu dem wir eigentlich direkt hinsegeln wollen, aber nicht können. Mein GPS kann mir allerdings ausrechnen, wie schnell ich mich diesem Punkt annähere, auch wenn ich nicht direkt darauf zu fahre. Mein Geschwindigkeitsvektor direkt zum Ziel, den wir VMC, Velocity made good on Course, nennen ergibt sich als der inverse Sinus aus dem Winkel, um den wir vom direkten Weg abweichen.
Winddreher sind prinzipiell gut, denn erst sie geben uns jedes Mal eine Chance, sie vorteilhaft zu nutzen. Wenn man sie falsch erwischt, kann man natürlich auch derbe verlieren.
Aber wir haben ja sehr gute Wetterdaten. Z.B. Grib Files vom ECMWF, dem Modell der Europäer, die in 0,2 Grad geographischer Länge und Breite aufgelöst, Wind und Luftdruckdaten für die nächsten 10 Tage angeben und das zeitlich im Dreistunden-Rhythmus. So ein File bis zum Ice Gate ist etwa 800 kb groß, wird aber noch speziell komprimiert, so dass ich jeden Morgen und Abend, wenn das Modell die neuen Daten durchgerechnet hat, dieses Datei downloade. So konnte ich schon gestern sehen, dass ich jetzt wohl gleich werde wenden müssen. Ich sitze hier auf der Lauer, die Kursanzeige im Blick und warte ab, ob es vielleicht noch etwas weiter rechts dreht. Ich bin vorhin mit 270 Grad gesegelt auf Backbordbug und bin jetzt extreme 50 Grad weggekippt, wie man sagt, auf 320 Grad. Das liegt an einer schwachen Kaltfront, die gerade rüberzieht. Ich kann sehen, dass Soldini, der etwas weiter vor und im Norden liegt, diese schon hatte und schon gewendet hat. Ich werde mich nun beeilen auch zu wenden, denn dieser Dreher wird nicht lange anhalten. Mein VMC ist in den letzten 3 Stunden von 7,8 Knoten auf 3,7 Knoten zurückgegangen. Wenn ich gleich nach der Wende auf dem neuen Bug wieder ein VMC von um die 6 Knoten auf der Uhr stehen habe, wird mein Herz wieder einen kleinen Freudensprung machen.
Bevor ich wende, staue ich mein Material um. D.h. 3 Spinnaker, von denen jeder so schwer ist, dass man ihn alleine nicht durch den Hafen zum Auto schleppen wollte. Mein verbleibendes Trink- und Kochwasser in 8 Sixpacks à 1,5 L-Flaschen, eine Tasche mit Werkzeug und Ersatzmaterial wie Blöcken, Epoxydharz, Glasfasermatten, Elektrozeug, Schrauben usw. Dann noch 2 runde wasserdichte Fässer, wie man sie vom Kanufahren kennt. In denen ist meine Sicherheitsausrüstung: Iridiumtelefon, Funkgerät usw. Dann lasse ich noch den Wasserballast (750 kg) durch dicke Wasser-Rohre nach Lee rauschen und das eigentlich seglerische an der Wende ist dann ganz einfach: Dem Autopilot sagen: Wende!, Fockschoten und Backstagen bedienen, Großschot bleibt, wie sie ist. Etwas trimmen und beobachten und das war es.
Natürlich dann der gebannte Blick auf das GPS und - das hätte ich nicht gewagt mir zu wünschen - 7,4 Knoten VMC auf dem neuen Bug. Also das war mal ein Dreher, der sich gelohnt hat. Der Wind hat auch etwas aufgefrischt auf 18 Knoten. Wir segeln unter Kutterfock (kleine Fock am Stag weiter innen) und ungerefftem Großsegel mit 9 Knoten hoch am Wind. Der Wahnsinn! Dieses Boot ist schnell. Kleiner Nachteil an dem Dreher: die Welle kommt noch aus der alten Windrichtung und somit jetzt genau von vorne. D.h. das Boot heizt über einen Wellenkamm und schmettert dahinter wieder runter. Das Rigg schüttelt sich. Zum Glück ein betonhartes Karbonrigg.
Hätten wir nicht schon die ersten Ausläufer des Golfstroms auf der Nase, hätten wir noch ein besseres VMC. Wir laufen 238 Grad, genau den Kurs, den Giovanni auch bei dem letzten Position Report anliegen konnte, mit 7,4 Knoten Fahrt über Grund. Er hatte 7,55, aber das ist Ok so denke ich. Er ist ja auch fast 100 Meilen von hier entfernt und dort der Wind oder die Welle vielleicht etwas anders. Außerdem muss man ehrlicherweise gestehen, dass sein Boot wohl besser ist. Jedenfalls war er beim Speedvergleich in Douarnenez (Bretagne) deutlich schneller. Nun gut, seine Kiste ist auch fast ein Drittel teurer - ein reiner Prototyp, mit vielen Bastelprojekten, innen nicht so fein und hübsch. Ich denke kein Boot, was man so gut später wieder gebraucht verkaufen kann, was den Wertverlust angeht.
Ich bin begeistert, dass Wettervorhersage und Routing hier gerade so gut passen. Das ist nicht immer der Fall. Nach den Berechnungen und Modellen jedenfalls bleiben wir jetzt 11 Stunden und 14 Minuten auf diesem Bug, bevor es wieder einen Dreher gibt und ich wenden muss.
Die letzte Wende war übrigens letzte Nacht um 3 Uhr. Komisch, ohne irgendetwas sehen zu können aufgrund der Messdaten und Wettervorhersage dann mitten in dieser grauen Wüste zu wenden.
Wo bleibt bei der ganzen Technik das Abenteuer könnte man fragen? Nein nicht wirklich. Es bleibt immer die See, die uns kontrolliert, nicht andersrum. Stürme und Seegang können zerstörerische Gewalt entwickeln. Große Frachtschiffe müssen und können solche Gebiete umfahren. Wir sind vielleicht zu langsam, um einem schnell ziehenden Tief auszuweichen. Ist es also verantwortungsloser Leichtsinn? Wir haben seetüchtige Schiffe mit starken Sturmsegeln. Sicherlich ist die Art des Schiffbaus nicht mehr so, dass man quasi kugelsichere Panzerschiffe baut, die allen Belastungen von Seegang standhalten. Wir müssen natürlich Rücksicht auf das Material nehmen und können nicht beliebig brutal über die Wellen heizen. Schon beim normalen Segeln biegt sich laut Berechnungen das Ende der 3 Meter tiefen Kielfinne 10 cm nach Lee, wenn sich das Schiff neigt, schließlich hängen da unten mehr als 2 Tonnen Gewicht dran.
So, nun bin ich etwas abgefallen, damit wir uns nicht so in der kurzen steilen Welle feststampfen. 3 Grad und wir sind gleich viel schneller: 8,3 Knoten SOG (Speed over ground)in Richtung 231 Grad. Fast Rekord - ein VMC von 7,6. Ich bin gespannt, ob wir gleich beim Position Report wieder ein, zwei Meilen abknappsen konnten und dann bald hoffentlich wieder auf den 3. und 2. Platz vorrücken.
Ich esse etwas zu wenig. Eine gefriergetrocknete Mahlzeit, einen Apfel, einen Powerbar-Riegel, das war gestern alles. Essen ist bei so einem Unternehmen die halbe Miete. Mist, da fällt mir ein, ich hab Angelzeug vergessen für den Notfall. Einige Leute wünschen mir schon einen guten Endspurt, doch in Wirklichkeit haben wir noch nicht mal die halbe Strecke geschafft.
Weiter im Norden haben die Anderen noch besser von dem Dreher profitiert. Ist eben alles relativ. Harte Burschen. Schwer zu schlagen.
Soweit erst mal. Grüße von Bord
Euer Boris
Beim letzten Position Report am Abend hatte Boris Position 2 erfolgreich zurückerobert.

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Hallo Boris,
Deine Mutter macht uns alle hieß - jetzt fiebern wir mit ihr und natürlich auch mit Dir. Liest sich ganz schön hart, was Du da schreibst. Ich drück Dir die Daumen, daß alles so läuft, wie Du es Dir wünschst.
Mast- und Schotbruch, so sagt man doch bei den Seglern, oder ?
Uschi
Hallo, Boris,
angesichts der kurzen Vorbereitungszeit, finde ich, dass Du eine Super-Leistung zeigst. Bewundernswert. Ich wünsche Dir weiterhin Erfolg und auch das bisschen Glück, das den Tüchtigen auszeichnet. Du hast es Dir verdient. Teile Deine Kräfte weiterhin schlau ein und dann wirst Du den Kontakt zur Spitze nicht verlieren. Viele hier an und im Land segeln in Gedanken mit. Ich drücke Dir die Daumen!
Herzlich grüßt
Martin aus Hannover
Salut Boris! Bonne continuation!
Lieber Boris,
es ist wirklich erstaunlich, wie beständig Ihr als Dreiergruppe zusammen bleibt. Alle, denen wir das zeigen, sind sehr beeindruckt, und nicht nur deshalb, weil Du eine so kurze Vorbereitungszeit hattest. Die Strapazen sieht man Dir auf dem Video an. Du musst mehr essen! (Guter Ratschlag von Deiner Mutter.) Wenn Du schon nicht zum schlafen kommst …
Halte Dich weiter wacker!
Deine Heide und Dein Steffen
Hallo Boris, Du siehst, Deine “Eskapade” spricht sich rum!
Die Strackerjanstr. sitzt am Rechner und fiebert mit.
Ich bin so beeindruckt, dass mir gar nichts wirklich tolles einfällt … Jörg Niemeyer und ich drücken Dir auf jeden Fall fest die Daumen!!!
Dass Du mindestens gut rüber kommst …
Hast Du Traubenzucker dabei? — hilft ein wenig.
Halt die Ohren steif!!!
Liebe Grüße
Karin