Rückblick und Ausblick am letzten Abend auf dem Atlantik
August 5, 2008 · Print This Article
4. August, 16. Tag auf See: 130 sm vor der Lizard - Ouessant - Linie, der offiziellen Atlantik-Kanal-Grenze.
Von Boris. Wir laufen munter mit 12 bis 15 Knoten halbwinds gen Osten. Miranda steht südlich und kann raumer segeln, wird uns daher sicher noch etwas abnehmen, aber ich hoffe noch auf einige trickreiche Optionen im Kanal. Wir wollen unbedingt wieder auf den 6. Platz vorrücken, schließlich wäre das erste Drittel (6. bei 18 Startern) unser Minimalziel. Wäre das mit Miranda nicht und hätte uns Prevoir Vie nicht vor einigen Tagen im Süden umrundet, meine Laune wäre noch besser. Wir lagen vor einigen Tagen so sicher an 5. Stelle und so weit vom 4., dass wir als 1. des Hauptfeldes angesehen wurden und die ersten vier ohnehin wie in einem anderen Film längst abgerauscht waren.
Wie konnten erst die ersten vier so abhauen und dann auch noch zwei weitere Boote uns überholen? Ein Transatlantik-Rennen raumschots mit den Tiefs ist wie eine Zugfahrt: Verpasst man einen Zug, knallen die Türen vor einem zu, und der Zug fährt ab. Man muss warten. Wegen weniger Stunden und Meilen Rückstand, die sich vor der strömungsreichen Küste Neufundlands eingeschlichen haben, konnten wir uns nicht ganz so optimal im ersten Tief vor 10 Tagen positionieren und die ersten vier konnten mit ihrem „Privatexpress” davonjagen. Übrigens: ein derart extremes Auseinanderzerren eines Regattafeldes habe ich noch nie erlebt und auch nicht erwartet.
Nun gut - Miranda und Ben (Prevoir Vie) haben uns im Süden umschifft. Ich wusste, dass der Süden gut sein würde. Wir haben uns zaghaft nach Süden orientiert und lagen ja vor einigen Tagen 350 sm vor Miranda. Da schaut man natürlich mehr nach vorne und folgt einem möglichst direkten Weg. Außerdem nutzen wir Wetterdaten verschiedener Modelle, um unsere Optimalroute zu bestimmen (Routing). Es bedarf an dieser Stelle noch eines tiefergehenden Verständnisses des Nordatlantiks meinerseits, um Unsicherheiten in den Modellen früher zu erkennen. Denn solange diese stimmen ist ja alles einfach. Man folgt den Vorschlägen des Bordcomputers. Doch das hat in den letzten Tagen keine guten Resultate geliefert. Ein Problem war die Einschätzung einer Front vorgestern Nacht. Wie schnell würde sie über uns hinweg ziehen und wie würde der Wind sich genau verhalten? Wir wollten den Angriffen von Süden mit einem vorausschauenden Schlenker nach Norden parieren, mussten dazu diese Front durchqueren und wollten dann am darauffolgenden Tag davon profitieren. Doch leider hingen wir in der Front fest und sie hat sich auch kaum bewegt. Eine Nacht Flaute. 40 sm weg. Miranda war durch. Das gehört zum Hochseesegeln. Ich hege den innigen Wunsch eines Tages souverän zum Himmel zu schauen, in die Hände zu klatschen und zu wissen: Da muss ich lang.
Wettertaktik ist das Herz so eines Rennens. Der Rest ist “Handwerkszeug”: Mit 25 Knoten durch die stockdunkle Nacht Surfen, gerissene Segel nähen, Gasleitungen aufsägen und Essen am Motor auffwärmen. Der Nordatlantik begünstigt das Sonnengemüt, denn es ist oft grau. Wir hatten keinen einzigen Sommertag bisher, stattdessen viel Nebel, Dunst, Regenböen und Wind und asketische (selbstverschuldete) Knappheit an Allem, außer an Nässe.
Doch all das werden wir schon in 60 Stunden glorifizieren, wenn wir wieder im wohlig-warmen Schoß der Zivilisation sitzen. Auf See ist man permanent gefordert und nichts ist leicht oder bequem. In der intensiven Auseinandersetzung mit dieser Welt ist man durchschnittlich lebendiger und gespannter, nimmt ab, wird etwas zäher mit der Zeit und auch kräftiger.
Dabei ist das ja hier noch eine Anfängerübung. Was ist mit den Seefahrern und Abenteurern früherer Jahrhunderte, die auch immer wieder ausgelaufen sind. Maßstab und Grenze sind die innere Haltung und die Charakterkraft der Mannschaft. Eine Trainingsfrage.
Am 12. Oktober wollen wir mit diesem Schiff zu einer Regatta um die Welt starten. Was sind dann 1000 oder 2000 sm gegen Etappen von fast 8000 sm? Etwas Training jetzt und hier auf dem grauen Nordatlantik ist ganz gut. Wie wird man das aushalten, 45 Tage auf diesem für so ein Rennen verhältnismäßig kleinen und langsamen Schiff zu zweit zu verbringen? Wilfried Erdmann hat alleine über 300 Tage auf einem viel kleineren Schiff verbracht. Er hat auch viel trainiert und sicher einen besonderen Charakter.
Was ich schwer finde ist ein Zustand stoischen Abwartens, der bei schlechtem Wetter und müder Mannschaft auftreten kann. Nach Tagen quält mich dann irgendwann eine Reizarmut. Man sitzt hier auf dem Meer sozusagen intellektuell auf dem Trockenen. Während mein Blick über die graue, aufgewühlte und trübe Nordatlantiksee schweift, denke ich: “Jetzt nur eine Zeitung zu haben, wäre ein Segen.” Es besteht die Gefahr abzustumpfen, wenn die innere Spannung nachlässt. Sobald sie aber wieder da ist, entdeckt man aufs Neue elegante Seevögel in den Wellentälern, die Spannung des Rennens, kann man den wochenlangen Spannungsbogen zwischen Start und Ziel, zwischen den Kontinenten neu genießen, sucht die nächste Böe auf der See und nimmt die Schoten dichter.

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Philosophen an Deck - schöner Artikel! Jetzt viel Glück für den homerun, dass nix mehr anbrennt.
D
sehr beeindruckend, lieber Boris. Freut Euch schon aufs Glorifizieren beim Milchkaffee - die Zeitungslektüre könnt Ihr schnell nachholen.
Herzliche Grüße
Steffen
Hallo Ihr Vier! Wieder ein spannender Bericht, was könnt Ihr für schöne Texte schreiben! Longlife learning also auch beim Segeln, das ist gut zu hören.Wir denken an Euch auch auf den letzten Meilen. Liegen selber in Ventspils fest, immer noch, Bordkoller blieb bisher aus. Liebe Grüße von Ulla und Moritz
hey ihr lieben!
glückwunsch zum 7. - ein paar vor euch, aber noch viel mehr dahinter : )) ! erholt euch schön und lasst es euch gutgehen in st. malo.
sonnige grüße,
dunja
Boris, Mieke and Julian,
Congratulations on a safe crossing and being well up in the fleet, I can’t believe Boris is undertaking an even bigger challenge in October. Reading the Google translation of your last posts, sounds like it was pretty tough and tense. Conditions do not appear to have been favourable for you.
I hope you are all now warm and dry and have had a good rest and a meal, and that you are still best friends. Not many people share a challenge like crossing the Atlantic in a 40 foot yacht.
Looking forward to reading your posts from your next adventure.
Regards …. Phil and Pauline
Hallo Ihr Vier, mußtet Ihr das noch so spannend machen ? Wimpernschlag-Finish zwischen den Felsen und Strömungen vor St. Malo, ich kann mir Euren Nervenzustand gut vorstellen. Aber Ihr habt es geschafft, herzlichen Glückwunsch, well done ! Ich hoffe Ihr sitzt jetzt in einem sonnigen Straßencafe und lasst es Euch guit gehen……..
Wolfgang
Herzlichen Glückwunsch Euch Vieren!
Der Siebte ist ein respektables Ergebnis. Erholt Euch gut und freut Euch über die vielen Erfahrungen und Erlebnisse die Ihr vom Nordatlantik mitgebracht habt. Vielen Dank, daß Ihr uns an Eurem Abenteuer habt teilhaben lassen. Das waren wirklich tolle Bericht.
Grüße von Matthias
Großer Sport, großartiges Erlebnis, tolle Leistung und gutes Ergebnis - herzlichen Glückwunsch Euch allen!
Herzlichen Glueckwunsch zum 7. !! Trotz aller Wind-Widrigkeiten ein super Ergebnis wie wir finden! Sind jetzt in Makkum auf dem Rueckweg zu unserem Hafen nach Warns! Liebe Gruesse von der Karlsson-crew!!
Herzlichen Glückwunsch und nochmals danke für die interessanten Berichte! Erholt euch mal schön - à bientôt, Jule! Lisi
Wieder ein sehr beeindruckendes Rennen! Dann lasst es Euch mal schmecken
Lg aus Oldenburg von Jessica