Viel Wasser über uns hinweg
Juni 7, 2009
(von Boris) Es schlägt, hämmert, rumpelt und rauscht wieder, wie vor Monaten im Southern Ocean. Wenn man sich dran gewöhnt hat, ist es nicht schlecht. Wir kommen gut voran und die Nerven bleiben angespannt. So wird einem definitiv nicht langweilig. Dritter Tag auf See und die alte Routine kommt wieder hervor. Am Abend des Starttages taten mir tierisch die Hände weh, weil sich die Hornhaut während der drei Wochen an Land verflüchtigt hat. Gestern ging es mir nicht gut, Kopfschmerzen und Übelkeit, aber heute ist alles wieder im Lot, das erste Kilo Barilla-Nudeln verspeist und der Kopf frei für die Überwachung der Schauerböen.
Ich stehe oft draußen und beobachte die heranziehenden grauen Wände. In einigen steckt ordentlich Wind, in anderen nur Regen. Man sieht es aber meist kurz vorher. Im ersten Fall peitscht der Regen aufs Wasser und ich kann schnell beginnen den Code5 einzurollen und die Genua auszurollen. 35 Knoten ist unsere Grenze mit dem 90 m² großen Code5. Die hatten wir zwischendurch. Dann scheint die Beluga Racer wie ein angeschossener Wal durch die Wellen preschen zu wollen. Die über Deck kommende Gischt prasselt einem mit aller Wucht ins Gesicht und reißt an einem, so dass man sich ordentlich festhalten muss. Steuern wäre jetzt keine gute Idee - man würde eh nichts sehen und die Orientierung verlieren. Dankbar muckelt der Autopilot in seiner Achterkajüte vor sich hin und bekommt von dem Theater nichts mit. Ob man dafür nicht bessere Boote erfinden könnte, fragt man sich angesichts des Spektakels da oben an Deck. Für uns ist es ja nicht so schlimm, aber für die armen Volvojungs, die keinen Autopiloten benutzen dürfen und aus unerklärlichen Gründen keinen Schutz um ihr Cockpit bauen, so wie mein Dad auf seinem Motorsegler oder die Vendee-Typen, muss es eine noch dringlichere Frage sein: Kann man nicht besser ein segelndes Uboot bauen, mit einem unverstagten Mast oben auf dem Periskop?
Die Windrichtung pendelt in den Böen um 30 Grad und variiert zwischen 22 und 35 Knoten. Kein Wunder dass die See aufgewühlt ist, schlimmer als ich es im Southern Ocean erinnern kann. Gelegentlich treffen wir eine Welle querkant und es fühlt sich so an, wie wenn man im Auto einen Speedbump übersieht. Besser nicht den Rücken an den Navisitz anlehnen, sonst knallt es voll rein. Die an Deck prasselnde Gischt klingt wie eine erste Einsatzübung der Freiwilligen Feuerwehr mit 15 Rohren. Sie treffen nicht immer. Eine klassische Holzyacht sollten sie nicht so löschen, deren Aufbauten hätten sie wahrscheinlich schon weggeblasen. Ich hoffe, es geht noch eine Weile so weiter, so dass wir Gelegenheit haben, uns daran zu gewöhnen. So wie vergangenes Jahr an heilig Abend, als wir eine Kerze auf dem Navitisch stehen hatten bei 18 Knoten Fahrt und uns plötzlich klar wurde, dass wir schon seit Wochen so unterwegs waren. Mal sehen, wann diese Kaltfront kommt und was sie uns beschert, hoffentlich eine Option, die Roten schnell wieder in Sichtweite zu bekommen.

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Hochinteressant dieses Logbuch. Toll, dass man im sicheren Haus soviel Spannung und Einblick erhalten kann. Die guten Seiten des 21. Jahrhunderts. Werde mich noch öfters einschalten und die Route als “Landratte” mitverfolgen. Meine Hochachtung
Cooler Schlenker nach Norden! (-: Stefan aus Lübeck