Wind beschert uns erste Führung seit Wochen

März 25, 2009 

Erste Führung seit Wochen(von Boris) War ich gestern noch etwas melancholisch, haben wir heute allen Grund zur Euphorie: Wind bedeutet alles im flauen Südatlantik: Die Welt nimmt wieder Proportionen an. Wir bewegen uns wieder auf einem endlichen Kontiunuum zwischen unserer Position und der 7 Tage oder 1200 SM entfernten Insel Ilhabela.

Ab 8 Knoten wahrem Wind können wir den Autopilot wieder nach Windwinkel steuern lassen. Bei gestriger Flaute sind die Winddaten zu gestört von den kleinen Wellen, so dass wir praktisch alle 10 Minuten von Hand die Kompasskursvorgabe für den Piloten justieren. Gab es gestern nur Warten, herrscht heute wieder Normalität. Mehr als das, denn es ging aus unserer Wetteranalyse vor 24 Stunden noch nicht hervor, dass wir hier Wind bekommen würden. Im Gegenteil, eher sahen wir vor 48 Stunden die Chilenen in einer deutlich günstigeren Lage. Im letzten Podcast sagte ich ganz sicher, die Chilenen würden nach der Frontpassage halsen und weiter nach NW segeln. Dort vermute ich, hätten sie jetzt mehr Wind. Wir verstehen nicht, warum sie ihren Kurs weiter nach NE fortgesetzt haben, damit haben wir nicht gerechnet. Doch berechenbar ist in dieser instabilen Wetterlage nichts und niemand. Nun beschert sie uns nicht nur phantastische Bedingungen sondern auch eine substanzielle Führung.

Seit 12 Stunden schiebt sich ein Feld mit W-lichen Winden von Süden an uns heran und bringt im Schlepptau Team Mowgli mit nach Norden. Die Briten haben in 24 Stunden 100 SM gut gemacht. Ich wette, dies ist der größte Meilengewinn des gesamten Rennens in so einem Zeitraum. Andere sind froh, wenn sie überhaupt 100 SM vom Fleck kommen.

In diesem Windfeld finden wir einen konstanten, gleichmäßigen, milden Luftstrom, in dem wir es hoch am Wind auf etwa 7,5 Knoten bringen. Die See ist dabei bemerkenswert sanft, etwas Dünung wiegt uns aus verschiedenen Richtungen aber das Wichtige, es gibt keine Windsee, keine wirklich bremsende oder störende Windwelle. So schweben wir fast dahin, mit dicht geschotetem Code0 (große Leichtwindgenua am Bugspriet) und weit dichtgeholtem Großsegel. Es ist phantastisch, diese große Segelfläche setzen zu können und so schon bei 6 Knoten Wind 7 Knoten Geschwindigkeit laufen zu können. Jetzt, da es auf 8 Knoten zugenommen hat, sind wir sehr weit angeluvt und laufen mit 7,5 Knoten. Das Boot schiebt etwa 20 Grad Lage, der Luvballasttank ist gefüllt. Mit der Lage verringert sich die benetzte Fläche des Schiffes unter Wasser. Beluga Racer legt sich auf seinen “Bouchin”, wie die Franzosen die charakteristische Ecke in der achteren Bordwand nennen. Diese Boote sind so gestaltet, dass sie Lage schieben sollen, um diese Ecke ins Wasser zu drücken und auf ihr, wie auf einer Schiene entlangzugleiten. Nicht eine Wolke ist zu sehen. Die See spiegelt das tiefe Blau des Himmels. Warum benötigen wir noch eine Woche? 1200 SM haben wir im Southern Ocean in unseren besten Zeiten in unter 4 Tagen abgespult. Ein alter Seemannsspruch sagt zum Amwindsegeln: “Doppelte Strecke, dreifache Zeit und vierfache Belastung.” Das gilt auch für unsere modernen Boote, ebenso wie für die Windjammer, aus deren Zeit das Sprichwort stammt. Da ein moderner Volvoracer allerdings raumschots bis zu 40 Knoten Speed schafft, rast er auch am Wind förmlich mit bis zu 14 Knoten dahin, wenn er seine tonnenschwere Kielbombe nach Luv schwenkt. Ein Kommentarschreiber wunderte sich, dass wir bei den Falklandinseln nur etwa halb so schnell wie der Volvo Racer “Telefonica Blue” waren, der uns dort in 40 SM Abstand überholte, mit 14 anstatt 7,4 Knoten am Wind. Ich muss sagen, dass deren Welt schon außerirdisch und faszinierend erscheint, ich aber mit uns und vor allem dem Verhältnis von Aufwand zu Nutzen ganz zufrieden bin. Schließlich ist es die Idee dieses Rennens, die Eintrittsbarrieren in den Hochseesport zu senken, nicht Rekorde aufzustellen.

Nie hätte ich erwartet, dass wir 1000 SM vor dem Ziel der dritten Etappe, der Königsetappe dieses Rennes, ein quasi offenes Spiel zwischen allen 4 Booten im Rennen haben. Nach momentaner Situation und aktuellen Wetterdaten sehe ich sogar Team Mowgli vor Desafio Cabo de Hornos. Michel könnte mit seiner schmaleren und leichteren Leichtwindrakete für eine Überraschung sorgen.

Die nächsten Tage geht es also noch mal und wieder um alles in diesem Rennen, was Punkte, Platzierung und sportliche Ergebnisse angeht. Dies ersetzt die für uns verlorene, früher aber mindestens genau so wichtigen Herausforderungen, besonders im Southern Ocean sicher zu bestehen, gibt uns Zeit, die Eindrücke aus dem Süden zu reflektieren. Wir werden noch darüber schreiben. Vielleicht nicht in der nächsten Woche, denn die wird zu spannend und wir sitzen eh auf heißen Kohlen in Erwartung endlich wieder Land unter die Füße zu bekommen.

Comments

13 Responses to “Wind beschert uns erste Führung seit Wochen”
  1. Christiane B. (Strackerjan) sagt:

    Moin Boris & Felix! Super, toll, klasse! Und jetzt “nur” noch diese führung ausbauen und bis in’s ziel halten :-)Ist das wieder spannend! Drücke die daumen!
    Lieben gruß aus dem winterlichen (es schneit!!!) Oldenburg,
    Christiane

  2. Alexa vom Berg sagt:

    Hallo Boris und Felix,
    echt klasse, wie ihr das wieder macht! Ich drück euch die Daumen!
    Liebe Grüße
    Alexa

  3. Magnus sagt:

    Football is a simple game; 22 men chase a ball for 90 minutes, and at the end the Germans always win. (Gary Lineker)
    This quote must be rewritten!
    Beste Grüße aus Münster

  4. Jessica sagt:

    Da hat sich das Pusten ja doch gelohnt :-) Und jetzt Daumen drücken für die letzten Tage auf See! Ihr packt das… ich glaube an Euch!!!
    Liebe Grüße aus Oldenburg

  5. Walther Furthmann sagt:

    Hallo Felix und Boris, bereichert mich total, seit Wochen bei euch mitzusegeln…uns jetzt immer schön zwischen dem Ziel und den Verfolgern bleiben!…ist doch ganz easy, oder!!?? Mit Gruß aus Kiel

  6. Knut Krödel sagt:

    Hallo Felix und Boris! Super, wie Ihr das wieder angestellt habt. War heute schwierig den Kindern aus der Klasse Eure Position zu erklären(ohne Wind etc.) Wie werden die sich morgen freuen, wenn Sie hören, wie es Euch mittlerweile ergangen ist.Alles Gute
    Knut aus Hamburg

  7. Dierk sagt:

    Hallo Felix & Boris,

    … man kommt gar nicht mehr zum arbeiten - ist viel spannender Euch mit jeder Meile auf dem Bildschirm zu verfolgen !! Drücken Euch die Daumen das Ihr die Führung halten oder sogar noch ausbauen könnt ! Liebe Grüße aus Lübeck (bzw. gerade vom Schreibtisch aus Hamburg),
    Kirstin & Dierk (Faust)

  8. Klaus Busch sagt:

    Da staunt der Fachmann und der Laie wundert sich - nicht ganz: Der Schluck Whisky am Kap Horn für Rasmus war ausschlaggebend. Und jetzt noch einen Müsli-Riegel für den Rest der Etappe (natürlich auch für Rasmus), dann fliegt ihr genauso weiter bis Ilhabela. Schade nicht da sein zu können. Guten Wind, gutes Klima an Bord, ein gut gelauntes Schiff bis zur Ankunft wünscht Euch
    Klaus aus Bremen

  9. thomas schroeder sagt:

    Moin!!!
    Das muß ja ein schönes gefühl sein;-) They allways come back!

    Auf der webpage eurer roten kollegen herrscht irgendwas zwischen trauerstimmung und niemalsaufgebenparolen, gepaart mit fehleranalyse. deren druck ist nun enorm, wollen sie noch den gesamtsieg ersegeln, das merkt man (und sie wollen!)
    Die flautenlöcher scheinen ja nun vorbei zu sein und entscheidend wirds ja wohl ab ca 35°S wenn der wind über nord auf ost dreht, da darf man gespannt sein!
    ganz segeldeutschland, helgoland und düne inklusive, drückt euch die daumen!

  10. Frank Voigt sagt:

    Die Effizienz bei der Arbeit fällt im Verhälnis Eurer Steigerung…alle zappen und alle 10 Meilen gibts neue Hurra SChreie ;–)))hoffentlich seid ihr bald im Ziel.. als Sieger… Dann kehrt Ruhe bei der Arbeit ein ,–)))

  11. Felix sagt:

    Hier in Hamburg ist seit Sonntag so ein scheiß Wetter und es ist dazu noch sau kalt, da kann man euch nur beneiden.
    Weiter so und zeigt es den Roten.
    Alles Gute

  12. Maren sagt:

    Hallo Ihr drei!
    Mit Euch auf See herrscht ja IMMER Hochspannung!Mit Eurer erneuten Führung erhellt Ihr hier die sehr trüben und nassen
    Frühlingstage. Viel Erfolg und auch Vergnügen weiterhin.
    Herzliche Grüße von der Elbe

  13. Alberter sagt:

    Geniale Homepage, bin eher durch Zufall darauf gestoßen und komme seit über 1 Std. nicht mehr von Euerer Seite runter.

    Kurzum, ich bin begeister von Euerer Leistung, vom Schiff und den tollen Berichten.

    Gruß Peter Alberter